Inhalt
Als Herr Tierlieb Benjamin nicht erlauben will, in der Hochsaison in den Urlaub zu fahren, ist Benjamin sauer und empfänglich für die Worte des Zoobesuchers Herr Schmeichler. Dieser meint, Benjamin solle sich das nicht gefallen lassen und stattdessen in eine seiner Hochhauswohnungen ziehen. So packt der große, graue Elefant seine Sachen und verlässt den Zoo. Erst viel später wird ihm klar, dass es Zuhause doch am Schönsten ist.
Die Geschichte
Sie beginnt ungewöhnlich, nämlich direkt mit dem Streit zwischen Benjamin und Herrn Tierlieb, aber so nimmt die Geschichte gleich Fahrt auf. Das anschließende Gespräch mit Herrn Schmeichler ist so wunderbar geschrieben, dass es sehr witzig und unterhaltsam bleibt, auch wenn oberflächlich betrachtet eigentlich erstmal nicht viel passiert. Was mir gut gefällt, ist, dass in diesem Gespräch bereits Benjamins Sparbuch und Sparkassen-Direktor Klingelsack erwähnt wird. Das nenne ich gutes Foreshadowing.
Benjamins Begegnung mit dem Pärchen in der Tiefgarage ist herrlich komisch, ebenso die Wohnungsbesichtigung mit Herrn Schmeichler. Unglaublich, wie der Mann Verkaufsgespräche führt. Sehr geschickt finde ich die folgende Detektivarbeit von Karla Kolumna, um herauszufinden, wo Benjamin sein könnte: Zuerst Informationen einholen und Zeugen befragen (Herrn Tierlieb, Karl und Otto), dann daraus Schlüsse ziehen und die Puzzle-Teile zusammensetzen (z.B. dass Benjamin nicht weit sein kann, weil ihn sonst bestimmt jemand auf der Straße gesehen hätte). CSI: Neustadt.
Mir gefällt auch, dass Benjamin selbst zu der Erkenntnis kommt, dass er einen Fehler begangen hat und sich nach dem Zoo sehnt. Dass er sein Handeln hinterfragt und die Größe besitzt, seinen Fehler einzusehen und seinen Freunden gegenüber dazu zu stehen, beschert ihm einen schönen Moment der Charakterentwicklung in dieser Folge. Dasselbe lässt sich auch über Herrn Schmeichler sagen – auch wenn die Läuterung, die er am Ende der Folge bekundet, nicht wirklich lange anhält, wie wir alle wissen.
Dass sich dann auch noch Karla und der Bürgermeister erst kabbeln, dann gegen Herrn Schmeichler zusammenschließen und Neustadt letztendlich ein neues Kommunikationszentrum (was für ein Wort) bekommt, welches natürlich den Namen „Benjamin-Blümchen-Haus“ trägt, rundet die ganze Sache ab.
Themen der Folge
Da ist erst einmal das Thema „Von Zuhause ausreißen“. Auch als Kind hat man vielleicht schon mal einen Streit erlebt, bei dem man sich dachte „Am liebsten würde ich weglaufen und alles hinter mir lassen.“ Dass das aber keine Lösung ist, sondern man lieber versuchen sollte, auch den Standpunkt des anderen zu verstehen (in diesem Fall Herrn Tierlieb) und einen gemeinsamen Kompromiss zu finden, wird hier gezeigt.
Dann wird mit Herrn Schmeichler sehr anschaulich dargestellt, wie Manipulation funktioniert – und dass auf zwischenmenschlicher wie auf geschäftlicher Ebene. Er dreht Benjamin die Worte im Munde herum und setzt ihm ganz nebenbei einen Floh ins Ohr. Es wird unterhaltsam dargestellt, dass man bei solchen „falschen Freunden“ vorsichtig sein sollte, weil sie wohl nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben.
Darüber hinaus werden reale Wohnverhältnisse kritisiert, und dass auf eine Art und Weise, die auch für Kinder gut verständlich ist.
Die große Botschaft der Folge „Zuhause ist es am Schönsten und manchmal wird einem das erst aus der Distanz bewusst“ wird noch dadurch ergänzt, dass Benjamin am Ende erkennt, dass er eigentlich ganz zufrieden ist, ein Elefant und kein Mensch zu sein. So wird dem Ganzen sogar noch das Thema Selbstakzeptanz und „mit sich selbst zufrieden sein“ hinzugefügt.
Die Figuren
Zu den bekannten Hauptfiguren gibt es nicht viel zu sagen:
Benjamin ist am Anfang vielleicht etwas launisch, aber das gibt sich schnell und er kehrt zu seiner gewohnt naiven und gutmütigen Art zurück. In dieser Folge sagt er, er könne nicht besonders gut kochen – in Folge 23 (als Koch) sah das noch anders aus.
Otto zeigt sich hier ungewohnt harsch gegenüber Benjamin, als er ihn zurechtweist. Da hätte ein freundlicherer Tonfall vielleicht mehr geholfen.
Karla ist mal wieder in Hochform, investigativ und nah am Bürger deckt sie Missstände auf und schreckt auch vor Politikern nicht zurück. So liebt man sie.
Dann natürlich der Charakter der Folge: Herr Schmeichler. Durchtrieben, wortgewandt und unheimlich schnell kontert er, wenn doch mal jemand seine Äußerungen argwöhnisch hinterfragt. Er ist vielleicht der gerissenste Antagonist der Benjamin Blümchen Reihe und damit weit oberhalb solcher Kleinkrimineller wie Hinki und Pinki anzusiedeln. Schön, dass dies nicht sein einziger Auftritt geblieben ist.
Hildegard und Hubert in der Tiefgarage sind eine lustige Ergänzung (Hildegard: „Ach, Hubert, du bist so tapfer! Ein richtiger Mann!“ – Hubert: „Ach, das war doch eine Kleinigkeit. (
mit hörbarer Angst in der Stimme) Komm Schätzchen, nichts wie weg…“).
Die Nachbarin Frau Meier hat auch schöne Facetten, da sie Benjamin zwar beisteht und hilft, aber auch kein Blatt vor den Mund nimmt und ihm ganz deutlich sagt: „Da hat er [Herr Schmeichler] wieder einen Dummen gefunden.“ Ihre ungeschönte Ehrlichkeit ist hier aber positiv zu sehen, da es nichts bringen würde, die Situation schön zu reden.
Besondere Sprecherleistung
Über Edgar Ott als Benjamin Blümchen braucht man nichts zu sagen. Er füllt den Charakter bestens mit all seinen stimmlichen Farben aus. Gisela Fritsch ist hier ebenfalls in Bestform.
Klaus Miedel als Herr Schmeichler ist aber der klare Star der Folge. Wie er den schleimigen, gewitzten Betrüger spielt und aus jedem Satz die unterschiedlichen Facetten des Charakters herausarbeitet, ist ganz großes (Hörspiel-)Kino.
Zitate der Folge
Schmeichler: „Sie sind doch nicht von gestern, oder?“
Benjamin: „Von Gestern? Gestern war Montag und …“
Benjamin: „Aber den Balkon, den hab ich doch mitgemietet, nicht?“
Schmeichler: „Ja ja, schon, aber… Es wird sowieso bald Winter in ein paar Monaten. Was wollen Sie da auf dem Balkon?“
Karla: „So, erzählt: Wann verschwunden? Wozu? Weshalb? Wieso? Wohin? Mit wem?“
Tierlieb: „Moment, Frau Kolumna, also, wohin er verschwunden ist, das wissen wir ja nicht. Deswegen haben wir Sie doch angerufen.“
Karla: „Ach, richtig, richtig. Hm…"
Otto: „Schmeichler? Wer ist das denn?“
Karla: „Oh, frag mich nicht!“
Otto: „Mach ich aber.“
Bürgermeister: „Reden wir von etwas anderem, ja? Schönes Wetter draußen, nicht?“
Karla: „Überhaupt nicht. Es regnet und stürmisch ist es auch.“
Bürgermeister: „Apropos, stürmisch. Ich würd gern mal wieder an die Nordsee fahren. Mein Segelboot fühlt sich ganz einsam.“
Karla: „Ja, mein Goldfisch auch.“
Frau: „Da ist ja der Betrüger!“
Bürgermeister: „Meinen die mich, Frau Kolumna? Die werden doch nicht etwa mich meinen?“
Benjamin: „Ich geh jetzt nach Hause, in meinen Zoo. Weißt du, dort ist es doch am schönsten. Da bin ich Elefant, da kann ich sein.“ (Frei nach dem Zitat aus Goethes Faust:
Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein.)
Cover
Auf dem neuen Cover wirkt Benjamin sehr fröhlich, nicht so, als würde er wutentbrannt den Zoo verlassen. Bei dem alten Cover ist es nicht ganz eindeutig, darum gefällt mir in diesem Fall das mittlere Cover am besten, bei dem Benjamin mit geschlossenen Augen an Karl vorbei geht, als wäre er eingeschnappt.
Einschlafskala (von 0=hellwach bis 10=süße Träume)
7.5
Bewertung
10 von 10