Alte Bewertung: 6 Punkte
Uff. Die Folge hat eine stolze Laufzeit von 78 Minuten, der Fall wird aber leider bereits vom Hörer nach gut 15 Minuten gelöst. Sobald die Stichworte Einbruch, helllichter Tag und Chatroom-Sucht auf dem Tisch liegen, hofft man die ganze Zeit nur noch auf einen Twist, den man nicht kommen gesehen hat.
Diesen Gefallen tut Henriette Wich den Hörern leider nicht. Die Ermittlungen schleppen sich, der Fall ist dünn und taugt nur für eine Kurzgeschichte und es ist Skript und Regie zu verdanken, dass man trotzdem dranbleibt. Im Gegensatz zu Folge 2 hat man hier wieder wesentlich mehr Privates reingebracht, sonst wäre die Spielzeit auch absolut nicht zu rechtfertigen gewesen. An sich sind die Ermittlungen nicht schlecht, alleine Maries Verkleidungsszene beim Juwelier ist natürlich göttlich. Sie sind halt nur sehr langsam und schleppend. Auf wirklich jedes Detail kommt man eine ganze Weile vor den Detektivinnen, die sich hier nur im letzten Viertel nicht so begriffsstutzig anstellen.
Das ist aber leider nicht alles. Wie schon in Folge 2 beim Casting versagt man hier bei der Darstellung des Kernelements, dem Chat. Das wirkt alles einfach vollkommen an der Realität vorbei. Kein Schwein schreibt ellenlange Romane im Chat, wenn man die Antwort in einem Wort sagen könnte (Wo ist das nächste Skatertreffen? STUTTGART! - Zack, fertig und in einem nur halbwegs gut besuchten Chat MUSS die Antwort auf so ne Frage wie aus der Pistole geschossen kommen, sonst geht sie eh unter). Dass in einem Themen-Chatroom auch ausschließlich über das Thema geredet wird und täglich die gleichen vier Leute online sind, wäre mir auch neu. Aber gut... wenn ich mich heutzutage in Chaträumen rumtreibe, dann ganz bewusst mit Fakeprofilen und der Absicht, gefährliche Spinner ausfindig zu machen, ich bin vermutlich einfach in den falschen Chatrooms und woanders geht's wesentlich zivilisierter zu...
Dazu hätte man den Chat stimmlich darstellen sollen, anstatt Franzi für x verschiedene Personen reden zu lassen, was auf Dauer etwas nervt. Gerade in einer Folge, in der sich die Täterfrage nicht stellt, wäre da nichts vorweggenommen worden (in diesem Fall ja aber sogar selbst dann nicht, wenn man nicht miträt).
ICQ ist natürlich zum Schmunzeln. Weniger witzig ist, dass hier vermittelt wird, dass es vielleicht nicht die schlauste Idee, aber unterm Strich völlig ungefährlich ist, wildfremden Leuten aus dem Chat die Nummer des Festnetzanschlusses zu geben. Eh, von der Festnetznummer ist der Weg zur Adresse auch nicht mehr so weit, dafür braucht's keinen Beruf in den Gelben Seiten. Immerhin checkt Franzi selbst, dass mit dem Ausplaudern von Name und Beruf ihres Vaters jede weitere Info über ihre Adresse hinfällig ist.
Retten tun es dann eher die Nebenstorys. Kim und Michi nimmt als erstes und mMn mit Abstand bestes Liebespaar der Serie langsam Form an und Marie muss damit klarkommen, dass sie einem Tagtraum hinterherjagt. Witzig, dass es kurz vor Weihnachten ist, man aber irgendwie nicht viel davon mitbekommt. Ich finds allgemein interessant, dass man anfangs noch darauf geachtet hat, nicht wild in den Jahreszeiten rumzuspringen. Folge 3 spielt kurz vor Weihnachten, Folge 4 kurz danach und Folge 5 während der Zwischenzeugnisse. Das Finale an zwei Orten gefällt mir sehr gut, auch das Skatertreffen wurde sehr gelungen in Szene gesetzt.
Conrad findet sich übrigens unter zwei Bezeichnungen in den Sprecherlisten. Er ist hier noch Polizeimeister, wird aber offenbar später zum Wachtmeister befördert. Ich dachte dann beim Hören auch die ganze Zeit, die Stimme kennst du doch. Ja, habe ich noch von Wendy Europa im Ohr. Toller Sprecher
Insgesamt finde ich die Folge zwar hörbar und die Längen gleicht man durch die stabile Produktion gut aus, aber leider wird der Fall vom Hörer lange vor den drei !!! gelöst. Er bietet keine Twists, keine falschen Spuren und ist auch nicht sonderlich spannend in Szene gesetzt. Auf eine Behandlung eines wesentlich ernsteren und noch wichtigeren Themas, das mit Chaträumen zusammenhängt, brauche ich bei der Serie vermutlich nicht hoffen. Die Zielgruppe ist nicht mal unbedingt zu jung (leider), die Umsetzung würde aber zwangsläufig in die Thriller-Richtung gehen und davon ist man nicht nur hier weit entfernt.
Es sind für mich nur noch 5 Punkte. Es gibt schlechtere Folgen, aber auch wesentlich stärkere.