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Zum Ende der Seite springen Konnte Stefan Wolf besonders durch seinen Schreibstil überzeugen? - Eine Diskussion inkl. Buchzitate
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Murphy ist männlich Murphy
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Konnte Stefan Wolf besonders durch seinen Schreibstil überzeugen? - Eine Diskussion inkl. Buchzitate

Wie bereits angekündigt kommt hier der Thread. Ich hatte schon längere Zeit darüber nachgedacht: Konnte Stefan Wolf besonders durch seinen Schreibstil überzeugen? Meiner Meinung nach gelang ihm das überwiegend über die Beschreibungen von diversen Szenen. IMHO ist er da deutlich besser als etliche andere Autoren.


Band 19 "Der Schatz in der Drachenhöhle" (Pelikan) - ab Seite 80

Sie paddelten den ganzen Nachmittag. Kilometer um Kilometer legten sie zurück. Die Sonne schien. Ringsum zeigte sich die Natur in der ganzen Fülle des Sommers. Es wäre herrlich gewesen – ohne die Höllenengel. Die anfängliche Hoffnung, die Rocker würden irgendwann aufgeben, schwand mehr und mehr, je später es wurde. Jetzt war früher Abend. Die Sonne sank hinter die Hügel im Westen. Der Himmel wurde in blutiges Rot getaucht. Die Bäume am Ufer warfen lange Schatten aufs Wasser. Die beiden Rockergruppen blieben manchmal etwas zurück. Manchmal fuhren sie ein Stück voraus. Aber sie waren immer in der Nähe. Wenigstens einige von ihnen behielten das Kanu im Auge. „Wie soll das nur gutgehen?“ Gabys Stimme zitterte. „Am besten wir schalten die Polizei ein!“ „Damit wäre uns nicht geholfen“, meinte Tarzan. „Was wollen wir denn vorbringen gegen die Rocker? Dass sie uns mit Steinen beworfen haben? Die streiten doch alles ab. Und wir haben keine Zeugen. Dass sie uns auf der Straße begleiten, ist nicht verboten. Vorläufig, Gaby, hätte die Polizei keinen Vorwand, um dieses Geschmeiß einzusperren. Man würde sie höchstens verwarnen, und das ist denen doch schnurzegal.“ „Wir können nicht die Nacht durchpaddeln!“ rief Klößchen. Ich habe schon ganz dicke Flossen.“ „Hättest Du Hirschtalg genommen!“ „Vorhin habe ich mich eingerieben. Soooviel hilft das nicht.“ Sie paddelten weiter. Alle waren hungrig.

(Ab hier überspringe ich ein paar Absätze)

Sie steuerten hinüber. Tarzan sprang ans Ufer. Er hielt das Kanu an der Leine fest. Gaby hob Oskar aufs Trockene. Karl balancierte so ungeschickt, dass der Canadier bedenklich schwankte. Klößchen brüllte schon um Hilfe, weil er glaubte zu kentern. Aber sein Geschrei wurde vom Röhren der Motorräder übertönt. Wie aus dem Nichts brausten die Rocker heran. Mochte der Himmel wissen, in welchen Mulden oder hinter welcher Baumgruppe sich die heimtückischen Kerle versteckt hatten. Beide Gruppen waren wieder vereint, und der Abstand betrug nur noch 100 Meter. „Jetzt aber Tempo!“ meinte Tarzan. Er übernahm Oskar und half Gaby ins Boot. Karl stand bis zu den Schenkeln im Wasser. Erst als alle ihre Plätze eingenommen hatten, sprang Tarzan in den Bug. Sie stießen ab – in letzter Sekunde. Schon bremsten die Rocker auf der Wiese. Ihre Reifen rissen tiefe Furchen ins saftige Gras. Ganze Batzen wurden von den Hinterrädern in die Luft gewirbelt. Während die TKKG-Freunde aus Leibeskräften paddelten, suchten die Rocker nach Wurfgeschossen, fanden aber nur kleine Kiesel. Jetzt war die Entfernung schon zu groß, um noch was auszurichten. Aber einer der Kerle lief am Ufer entlang. Er war der mit dem blauen Helm. Er hielt irgendwas in der Hand. Was es war, konnte Tarzan im dämmerigen Licht nicht erkennen. Jetzt blieb der Höllenengel stehen. Den linken Arm streckte er vor. Die rechte Hand, in Schulterhöhe angewinkelt, wurde zurückgezogen. „Duckt euch!“ rief Tarzan. „Der hat eine Schleuder! Köpfe runter!“ In der nächsten Sekunde pfiff eine Stahlkugel über sie hinweg. Sehen konnten sie die natürlich nicht. Aber sie spürten und hörten den Luftzug und wußten auch, dass ein per Schlappschleuder abgeschossener Stein nicht soviel Tempo drauf hat.

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Romeo und Julia treffen sich. Julia fragt Romeo: "Was machen wir heute Abend?"
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Ich überlege gerade, ob ich meinen Beitrag aus dem "Schreibstil erkennbar?" Thread hierhin kopiere...

Auf jeden Fall erstmal zusätzlich: Ja, Wolf konnte Naturbeschreibungen und -stimmungen gut. Auch die sogenannten "Winterfolgen" bzw. generell alles in bestimmten Jahreszeiten hat er ja konseuqent immer wieder eingebaut.

Die beiden oberen Absätze sind auch gut und stimmungsvoll umgesetzt. Ich würde nicht sagen perfekt, aber so ist das wirklich nicht schlecht.

Ob das nun ein Erfolgsfaktor für ihn war oder ob es doch an dem lag, was ich im o.g. Beitrag geschrieben habe... dafür müsste ich wohl selbst mal wieder eingie TKKG-Bücher lesen, um das zu beurteilen. Aber selbst dann weiß ich nicht, ob der Erfolg wirklich auf diesen Faktor zurückzuführen ist. Siehe die verlinkten Interviews im Thread über TKKGs mögliche Einstellung.

Denkbar ist es auf jeden Fall Happy
21.09.2022 19:10
21.09.2022 19:10

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Nächstes Buchzitat:

Band 31 "Die Entführung in der Mondscheingasse" (Pelikan) ab Seite 85

Die Verfolgung begann. Der Kommissar schien trotz der frühen Stunde einen wachen Instinkt zu haben. Denn auf dem Weg durch den Föhrenwald sah er sich mehrmals um. Aber Uckmann war auf der Hut. Ein schneller Schritt zur Seite brachte ihn hinter den Stamm dicker Bäume.
Jetzt nach scheinbar endlosem Marsch, erreichte Glockner die Schroffen-Wand, wo der Wasserfall toste. Uckmann blickte umher. Niemand war in der Nähe. Soweit der Weg zurück reichte, konnte er ihn überblicken. Keine Menschenseele war um diese Zeit unterwegs. Wie er erwartet hatte. Er zog die schwere Pistole aus der Manteltasche, lud durch und entsicherte. Sonnenlicht fiel durch die Zweige. Für einen Moment blitzte es auf dem Metall der Waffe. Uckmann spähte hinter dem Stamm hervor. Glockner stand nicht mehr unter den Bäumen. Er hatte sich zur Felswand gedreht und richtete den Blick in die Höhe. Das Schauspiel des herabstürzenden Gletscherwassers schien ihn gefangen zu nehmen. Ich muss näher ran, dachte Uckmann. Nur ein paar Schritte dürfen uns trennen. Und dann … Glockner ging weiter, auf den Wasserfall zu. Auch Uckmann setzte sich in Bewegung. Vor ihm badete der Weg im Sonnenlicht. An dieser Stelle standen die Bäume weit auseinander. Über die Lücke wölbte sich der Himmel. Uckmann konnte zu den Bergriesen aufblicken. Aber nur einen Herzschlag lang. Dann achtete er wieder auf Glockner. Den rechten Arm hielt der Verbrecher angewinkelt. Die Mündung der Pistole ragte nach oben. Und wieder gleißte Sonnenlicht auf dem brünierten Metall.

*

Tarzan spannte sich wie ein Turnierbogen, von dem gleich der Pfeil abschwirrt. Mit wachsender Besorgnis beobachtete er, wie sich der Typ dort unten benahm. Noch immer schirmten die Bäume ihn ab. Was er von ihm sah, reichte gerade, um erkennen zu können, dass es ein Mann war. Er trug einen olivfarbenen Mantel, Trenchcoat vermutlich. Und er schlich wie ein Schwarzfuß-Indianer, dem die Hornhäute schmerzen. Jetzt trat er unter den Bäumen hervor in die vom Sonnenlicht angestrahlte Lücke. Heyse! Das war dieser Heyse. Der miese Charakter, der wie Uckmann… Heh! Tarzan traute seinen Augen nicht. Der Typ hielt eine Pistole in der Hand. Jetzt leuchtete sie auf wie eine Fackel. Ich knall auseinander! schoß es Tarzan durch den Kopf. Der will … Waruuuuum? Zum Teufel! Egal! Das interessiert erst später. Jetzt will er Gabys Vater erschießen! Tarzan hechtete zur Kante. Um ein Haar hätte er einen Schritt zuviel gemacht. Tief unter ihm, fast in der Fallinie, ging Glockner zum Wasserfall. Auch das noch! Dort unten herrschte tosender Lärm. Er hört mich nicht, wenn ich brülle, dachte Tarzan. „Herr Glockner!“ „Herr Glockner!“ schrie er. „Haaaallooooo!“ Der Kommissar ging weiter. Er hörte nichts. Jetzt tauchte Heyse am Rand des Föhrenwalds auf. Angstschweiß brach Tarzan aus. Ganz klar, dass Heyse sich an Glockner ranschleichen und ihm hinterrücks erschießen wollte. Etwa 200 Meter – fast – senkrecht unter ihm, Tarzan, spielte sich das ab. Er stand hier oben, hatte einen Logenplatz für das grausige Schauspiel und war doch zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Zig Gedanken füllten Tarzans Kopf. Dann bückte er sich. Klamotten lagen haufenweise herum: Kiesel, Splitter, junge Felsen, Steinquader, Blöcke. Er packte einen, so groß wie ein Kopf. Weit musste er ihn nicht schleudern. Der Felsbrocken stürzte hinab. 20 Meter neben Glockner krachte er auf den Boden. Das wirkte. Der Kommissar erschrak, als hätte der Blitz eingeschlagen, sprang zur Seite. Der Fels zerbarst. Und Glockner reagierte instinktiv richtig, indem er nach oben blickte, ob noch mehr Steinschlag erfolgte. Tarzan winkte wie irre, flatterte außerdem mit den Armen, als wolle er sich wie ein Drachenflieger ohne Drachen ins Nichts stürzen. Glockner sah ihn und winkte. In wenigen Sekunden hatte sich das alles abgespielt. Nichts war Heyse entgangen. Sekundenlang zögerte er. Dann begann er zu rennen, um die etwa 150 Schritte, die noch zwischen Glockner und ihm lagen, auf Schußweite zu verkürzen. Der Junge dort oben, der störte nicht. Der war willkommen. Der würde bezeugen, wer den Kommissar kaltgemacht hatte. Tarzan erstarrte. Mit ausgestreckten Arm wies er auf Heyse. Glockner drehte sich um. Er sah den Mann, der auf ihn zurannte. Er sah die Pistole in dessen Hand und begriff.

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21.09.2022 19:22

Myrath ist männlich Myrath
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Ich pack mal eben meine zwei Beiträge dazu:
Zitat:
Okay, also zu Wolf und seinem Schreibstil: Was er macht, ist ganz allgemein gesprochen eigentlich ein schlechter Stil. Mango hat das ja schon mit dem Satz "Heute würde jemand, der so schreibt, nirgendwo mehr ernst genommen werden" auf den Punkt gebracht. Man könnte noch hinzufügen, dass so ein Stil auch in den 80ern bzw. den 70ern schon schlecht war, oder zumindest schon lange aus der Mode. (Man lese alte DDF-Bücher um zu sehen, dass es auch ganz anders ging.) Der Erzähler greift bei Wolf stark wertend und meinungstechnisch voreingenommen in die Handlung ein, dem Leser wird kein Interpretationsspielraum gelassen und es gibt nur "die eine Wahrheit", nämlich die des Herrn Kalmuczak, der auch deutlich hinter dem Erzähler steht. (Ein weiteres, eigentlich qualitätsminderndes Merkmal.) So. Wolf hat aber etwas Besonderes hinbekommen: Er ist so dermaßen dreist in diese Richtung vorgeprescht, dass es schon fast an sich wieder Kunst ist Zwinker Das ist kein bloßer Spruch, es steckt wirklich eine gewisse Faszination dahinter. Wolf hat aus den Klischees der Zeit ein eigenes Satire-Deutschland erschaffen, in dem nichts wirklich echt ist und gleichzeitig doch alles. Das fängt bei den Namen der Figuren an, geht über bestimmte Klischees von Charaktertypen und endet bei tatsächlichen Verbrechen aus der Zeitung, in wolfscher Weise verstrickt. Da also keine Figur echt ist und doch jede quasi stimmt, ist dieser hochgradig voreingenomme Stil der letzte Kunstgriff, der alles zu diesem speziellen wolfschen Gesamtbild zusammenfügt. Klar, man möchte als Leser wahrscheinlich eher eine differenzierte Darstellung, aber man bekommt die volle Breitseite an Satire, kalmuczakschem Weltbild und Journalismus. Mir ist das nämlich beim Reinlesen erst wieder klar geworden: Im ersten Moment rümpft man die Nase aufgrund des "schlechten" Stils, aber dann wird man quasi reingesogen und das Ganze "erdet" irgendwie Zwinker Es ist auch für nicht so leseerfahrene Kinder leichter zugänglich und eventuell sogar ansprechender. Wie gesagt, ich bin weiterhin mit TKKG in francisscher Bearbeitung am glücklichsten, aber die Bücher haben da nochmal auf ganz andere Weise einen gewissen Reiz. Sozusagen das pure Bild dessen, was in den Hörspielen neben einer "normalen" Jugendserie nur durchscheint.

Zitat:
Ich formuliere mal etwas um: Wolf orientiert sich wohl sehr deutlich an dem Bild, beim Erzählen als Erwachsener zu einem Kind zu sprechen, dem vieles erklärt werden muss, und er tut dies auf entschieden wertende Weise. Dass das im Gesamtpaket funktionieren kann, habe ich ja schon geschrieben. Aber typisch ist dieser Stil in Jugendbüchern dieser Art nicht; wenn man Robert Arthur, William Arden, M.V. Carey oder auch Felix Huby nimmt, so schreiben sie alle wesentlich sachlicher. H.G. Francis schreibt in seinen Büchern nochmal anders, aber auch nicht so wie Wolf. Schlecht wäre der Stil eindeutig, wenn man so für Erwachsene schreiben würde. In Kinderbüchern kann das aber eine gewisse Berechtigung haben. Ich persönlich mag es generell nicht und lege ein Buch, dass sich so liest, schnell wieder weg. Aber bei Wolf kann ich den Reiz an der Sache mittlerweile nachvollziehen.

Ich muss auch nochmal etwas nachbessern: Es gibt auch viele Erwachsenenbücher, die so geschrieben sind und viele Erwachsene stehen total drauf. Hatte ich nur vergessen, weil es nicht meine Sparte ist Zwinker
Dazu kommt, dass Murphy gerade zeigt, dass Wolf nicht durchgängig nur so eine Nummer abgezogen hat, sondern sich stellenweise durchaus in Richtung DDF-Bücher bewegen konnte Happy
21.09.2022 19:33
21.09.2022 19:34

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Das nächste Buch-Zitat ist eine Art Special. Es zeigt, dass Wolf auch sehr humorvolle Szenen schreiben konnte. Diesmal gibt es kaum Umgebungsbeschreibungen, da alles in einem Gebäude passiert.

In der Szene springt Gaby als Kellnerin im Hotel-Restaurant ihrer Tante Isabell (Isa) ein.


Band 37 "Hotel in Flammen" (Pelikan) ab Seite 48

„Frau von Weyerpitz-Riehl und Herr Plöckl haben Wünsche“, sagte Oberkellner Trill zu Gaby. „Sie haben eben gewinkt. Versuch mal, ob du klarkommst.“ Gaby zupfte ihr Kleid zurecht und stiefelte zu der Sesselgruppe. Die Paradiesvogel-Dame blätterte in einem Modejournal. Gaby unterdrückte ein Kichern, als sie Plöckls Goldlocken sah. „Bitte sehr, was darf ich ihnen bringen?“ fragte sie höflich. Gunilde blickte nur mit einem Auge auf, sozusagen. Ein Mädchen, noch dazu ein hübsches! Wo blieb denn der Kellner? Ihre Miene vereiste. Anders ihr Begleiter, dem die helle Freude über das verbräunte Gesicht glitt. Grundsätzlich ließ er sich lieber von hübschen Mädchen als von plattfüßigen Kellnern bedienen. „Ja, was wollen wir denn, schönes Kind“, sagte er durch die Nase. „Gunilde, Liebling, eben wolltest du Champagner, Gilt das noch? Ich schließe mich, wenn’s um Champagner geht, immer an, hahaha. Aber keine Flasche. Dafür ist es noch zu früh am Tag. Erstmal zwei Gläser. Dann sehen wir weiter. Ihr habt doch offenen Champagner?“ Vermutlich meint er eine offene Flasche, aus der man glasweise ausschenken kann, überlegte Gaby. Ob sich das machen ließ, wusste sie nicht. „Ich muß mich erkundigen, Herr Plöckl.“ Sie wollte abtreten. Aber Gunilde spitzte ihr Maul. „Wieso musst du dich erkundigen?“ fragte sie schroff. „Weißt du das nicht? Kommt denn der Service vom Mond? Oder was ist los?“ „Ich bin neu hier“, erklärte Gaby. „Fange gerade erst an. Auf dem Mond war ich noch nicht. Sicherlich wird es möglich sein, Ihnen offenen Champagner zu servieren.“ Plöckl setzte zu einem Grinsen an, fing aber Gunildes Blick auf und schob sofort die Brauen zusammen. Offensichtlich wollte er’s mit ihr nicht verderben. Vielleicht hatte er versprochen, immer auf ihrer Seite zu stehen. „Nicht frech werden, kleines Fräulein. Sowas sind wir nicht gewöhnt. Klar?“ „Ich bin mir keiner Frechheit bewußt. Wenn Sie meine Worte so aufgefaßt haben, bitte ich um Entschuldigung.“ „Schon gut. Nun schwirr ab und hol den Schampus.“ Kann ja heiter werden, dachte Pfote, als sie zu Trill eilte. Wenn alle Gäste sind, läßt sich der Job als Strafe verwenden. Trill seufzte, weil er wieder eine Flasche Champagner öffnen mußte. „Manchmal steht der Rest tagelang“, meinte er, „dann ist das Gas raus und der Göttertrank im Eimer. Zugesetzt haben wir dann. Und wie! Ist nämlich hier keine Champagner-Gegend, weißt du. Hier trinken die Damen Wein und die Männer Bier. Was magst du denn am liebsten?“ „Fruchtsaft und Tee. Alkoholisches lehnen wir ab, meine Freunde und ich. Auch wenn wir die Volljährigkeit erreicht haben, wird sich daran nichts ändern.“ „Gute Gäste werdet ihr dann nie“ lächelte Trill. Er hatte zwei Sektschalen randvoll gefüllt, und Gaby balancierte ihr Tablett zum Kamin – ohne einen Tropfen zu verschütten. Plöckl hatte sich inzwischen wohl anhören müssen, daß er zu jungen hübschen Mädchen gefälligst nicht so freundlich sein solle. Und er war voll eingestiegen auf die Ermahnung. „Ja, zum Teufel, was ist denn das!“ schnarrte er. „Champagner in Puddingschalen? Da verperlt der Inhalt sofort. Und das Buckett (Geschmacksstoff) hängt unter der Decke. Wir trinken Champagner aus Flöten. Nimm das wieder mit!“ Nicht aufregen, Gabriele! Dachte sie – und glitt durch die Schwingtür, hinter der sich der Vorraum zur Küche befand. Hier lag, stand, hing alles bereit, was der Service (Bedienung) benötigte. Hier wurde auch ausgeschenkt. „Hm“, meinte Trill, nachdem er die Beschwerde entgegengenommen hatte. „Damit hat der Herr mit den Goldlöckchen nicht mal so unrecht. Allerdings hätte er’s gleich sagen sollen. Den meisten Gästen ist es egal, ob sie aus Schale oder Flöte trinken.“ Er schüttete den Champagner nicht um, sondern füllte zwei Flöten – schmale, hohe Gläser, die sich am Rand verjüngen – aus der Flasche. Wieder zog Gaby los. Jetzt müsste es stimmen, dachte sie. Gunilde begann gerade, ihr Modejournal zum zweiten Mal durchzublättern. Poldemar fummelte an seiner Nase herum, ließ aber die Finger im Freien. Mit deutlichem Mißtrauen musterten beide die Gläser. „Ich wette, er ist süß und nicht herb“, verkündete Gunilde ohne Lippenbewegung. Sie grapschte sich eine der Flöten. „Süß!“ verkündete sie triumphierend. „Mein Gott, Poldemar! Wo sind wir hier gelandet?“ Er hatte genippt. Und machte ein Gesicht, als wäre er auf reines Frostschutzmittel gestoßen. „Du hast recht, Liebling. Total süß!“ „Ist was nicht in Ordnung?“ fragte Gaby. „Ich kenne mich damit nicht so aus.“ „Du kennst dich offenbar überhaupt nicht aus“, sagte Gunilde böse. „Einfach furchtbar“. „Soll ich ihn wieder mitnehmen?“ „Dachtest du“, knarrte Plöckl, „wir trinken das Zeug?“ „Bevor wieder was schiefläuft – könnten sie mir klipp und klar sagen, wie sie den Champagner möchten? Aus Flöten und herb, soweit sind wir. Aber vielleicht muß es eine bestimmte Marke sein.“ „Darauf kommen wir zurück“ sagte Plöckl, „wenn wir eine Flasche bestellen. Beim offenen – ist das nicht so wichtig. Wir sind ja schließlich nicht pingelig.“ „Nein“, meinte Gaby, „Das sind sie bestimmt nicht.“ Sie schob ab mit dem in Ungnade gefallenen, zu süßen Champagner. Der dritte Versuch glückte.

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21.09.2022 20:36

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Ja, hier sind wir fest im Wolf-Territorium Zwinker Hat durchaus seinen eigenen Charme, so ein Stil, aber wenn ich zuviel davon lese, ist es mir... ehm, zuviel Fettes Grinsen

Hier auch ein Beispiel für wolfsche Doppelmoral:
Zitat:
Alkoholisches lehnen wir ab, meine Freunde und ich. Auch wenn wir die Volljährigkeit erreicht haben, wird sich daran nichts ändern.


Gut, man könnte auch sagen, das ist in dem Moment einfach Gabys Überzeugung. Kann aber auch sein, dass Wolf "uns" das sagen wollte. Bei Tom und Locke wollte er das offenbar nicht mehr Zwinker Und selbst hat er bestimmt auch mal gerne einen gezwitschert...
21.09.2022 20:48
21.09.2022 20:49

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Band 2 "Der blinde Hellseher" (Pelikan) ab Seite 11

Es war einen Tag vor der Katastrophe und sie warf – wie man
so sagt – ihre Schatten voraus.
Allerdings – zu erkennen war das nicht. Nicht mal für einen
so findigen und hellwachen Jungen wie Tarzan.
Tief über den Lenker seines Rennrades gebeugt, jagte er
über die Landstraße.
Es war früher Nachmittag. Spätherbst. Die Sonne meinte es
gut. Über den kahlen Feldern ringsum stand die Luft hell und klar.
Fünf Minuten noch bis zur Eisenbahnbrücke.Tarzan setzte
zum Endspurt an. Niemand trieb ihn dazu – nur der eigene
Ehrgeiz. Wer schon als 13-Jähriger zu den besten Schülern
einer großen Internatsschule gehört, der nutzt eben jede Gelegenheit
zum Training.Von nichts kommt nichts.
Bei der Eisenbahnbrücke war Tarzan mit Volker Krause
verabredet. Volker, ein Klassenkamerad, wollte endlich sein
neues Rad ausprobieren. Er hatte es schon vor einer Woche
bekommen, aber seitdem verhinderte pausenloser Regen
einen Ausflug in die Umgebung der Stadt.
Tarzan hob den Kopf. Er konnte die Brücke schon sehen.
Sie war 30 Meter hoch und überspannte eine Senke, in der
die Bahngleise verliefen.Wenn Züge heranbrausten, konnte
man spüren, wie das Geländer vibrierte.
Es war ein schmales Geländer – schmaler als eine Hand.
Deshalb traute Tarzan seinen Augen kaum, als er jetzt zur
Brücke spähte. Eine Gestalt balancierte auf dem Geländer. Deutlich hob
sie sich gegen den hellen Himmel im Hintergrund ab.
Es war Volker. Vor Schreck vergaß Tarzan das Treten. Während
sein Rad weiter rollte, starrte er mit aufgerissenen Augen zur Brücke.
Um Himmels willen! Was sollte dieser Irrsinn? War Volker
übergeschnappt? Wie ein Seiltänzer hatte der Junge die Arme
ausgebreitet. Er lief auf dem Geländer auf und ab, vor und zurück.
Der Wind ließ seine braunen Haare flattern und riß an dem Anorak.
Wie leicht konnte er die schwankende Gestalt aus dem Gleichgewicht
bringen! Wenn Volker nach links kippte, konnte nicht viel passieren:
Nur ein Sturz aus Geländerhöhe auf die Straße. Aber wenn er zur anderen
Seite fiel… Noch 300 Meter. Tarzan fuhr so schnell er konnte. Der
Fahrtwind biß ihm in die Augen. Aber er senkte den Kopf nicht. Wie
hypnotisiert beobachtete er Volker. Noch 200 Meter. Was war das? E
ine Lokomotive pfiff. Ganz nahe schon klang das.

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23.09.2022 14:18
23.09.2022 14:26

Myrath ist männlich Myrath
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1. Experte: Die drei ???
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Ja, hier funktioniert sein Stil ganz gut.

Aber ich nehme mal den Anfang vom Grünen Geist von Robert Arthur als Beispiel für etwas, das ich besser geschrieben finde:

Zitat:
Der Schrei traf Bob Andrews und Peter Shaw völlig unvorbereitet. Sie standen in einer von Unkraut überwucherten Einfahrt und sahen sich das leerstehende alte Haus an - so groß wie ein Hotel und an einer Seite aufgerissen, denn die Abbruchfirma war bereits am Werk. Im Mondlicht wirkte alles verhangen und unwirklich.
Bob hatte sein Tonbandgerät umgehängt und sprach seine Bestandsaufnahme des Schauplatzes ins Mikrophon. Gerade unterbrach er sein Protokoll und wandte sich an Peter: "Viele Leute glauben, dass es in diesem Haus spukt, Peter. Schade, dass es abgerissen wird - vielleicht hätte es Alfred Hitchcock für einen Film verwenden können." "Der alte Kasten hätte ihn sicher begeistert", stimme Peter zu. "Was ich von mir nicht behaupten kann. Im Gegenteil, mir wird immer mulmiger. Wollen wir uns nicht absetzen?"
Und genau da ertönte vom Haus her ein Schrei.
23.09.2022 14:44
23.09.2022 14:46

Jankru ist männlich Jankru
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1. Experte: TKKG
2. Experte: Die drei ???



Auf jedenfall hatte er einen sehr prägnanten Schreibstil. die Bücher, die nach seinem Tod von anderen Autoren geschrieben wurden, konnte ich mir nicht mehr geben. Das war einfach nicht mehr Wolf. Ich hab sie dennoch so lange gekauft und gelesen, so lange sie noch im Blauen Einband waren. Danach bin ich ausgestiegen. Den gleichen Stil von TKKG findest du auch in den anderen Buchreihen von ihm.
23.09.2022 16:29

Myrath ist männlich Myrath
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1. Experte: Die drei ???
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Um nochmal auf Murphys Eingangsbeitrag zurückzukommen: Ich finde nicht, dass Wolf im Beschreiben von Szenen besser war, als die meisten anderen Autoren. Aber jeder hat einen anderen Geschmack und dementsprechend gibt es auch unterschiedliche Schreibstile. Dass der Stil von Wolf für einige Leser nahe am Optimum liegt, kann ich mir gut vorstellen, genauso, wie ich eher so einen Stil wie den von Arthur und Arden bevorzuge. Da kann man kaum sagen, einer sei "richtig" oder "falsch".
Wenn man z.B. heutige Kinderbücher anguckt, sind sie auch oft in einem ganz anderen Stil als dem von Arthur geschrieben. Sie ähneln auch dem von Wolf nicht unbedingt, sind aber eventuell näher dran. Ich glaube allerdings, es ist nicht möglich zu sagen, welches der optimale Stil ist.

Andererseits bezweifle ich auch, dass Wolf hauptsächlich aufgrund seines Stils erfolgreich war. Und Erfolgsfaktoren von Serien sind sowie immer eine spannende wie auch uneindeutige Sache.
Man müsste wohl einigen Kindern mal die Anfänge von zehn Büchern vorlegen und sie entscheiden lassen, welcher Stil sie am meisten anspricht... Popcorn


EDIT: Übrigens, wenn hier jemand etwas aus einem anderen Kinderbuch zitieren will, was er/sie hervorragend geschrieben findet und was ganz anders ist, immer her damit Thumb Up
24.09.2022 16:14
24.09.2022 16:20

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Dass Wolf im Beschreiben von Szenen besser war, als die meisten anderen Autoren, kann ich vermutlich gar nicht beurteilen, da ich dafür bisher zu wenige Bücher gelesen habe. Fettes Grinsen Ich denke das trifft auch auf viele andere User zu. Myrath könnte eine Ausnahme sein. Happy

Ein Erfolgsfaktor (von mehreren) kann der Schreibstil durchaus gewesen sein: Im Pelikan-Verlag erschienen in den 80'er Jahren etliche Serien. Nur TKKG wurde so erfolgreich. Von den anderen Serien erschienen meistens weniger als 20 Bücher. Da waren auch Serien dabei, die ebenfalls im Medium Hörspiel veröffentlicht worden sind (z. B. Funk-Füchse).

Allerdings ... macht der Thread wenig Sinn, wenn nur 2 (!) Leute mit mir diskutieren.

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24.09.2022 21:09
24.09.2022 21:10

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Zitat von Murphy:

Allerdings ... macht der Thread wenig Sinn, wenn nur 2 (!) Leute mit mir diskutieren.

Isso Zwinker
24.09.2022 21:41

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Ich bin bereits dabei, ein weiteres Beispiel zu suchen. Happy

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Nennen Sie mich einen Verschwörungstheoretiker, aber ich behaupte, dass Louis Armstrong nie auf dem Mond war!


Romeo und Julia treffen sich. Julia fragt Romeo: "Was machen wir heute Abend?"
Darauf antwortet Romeo: "Ich richte mich nach dir!"
27.09.2022 19:52

Myrath ist männlich Myrath
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Zitat von Murphy:
Ich bin bereits dabei, ein weiteres Beispiel zu suchen. Happy

Von mir aus immer her damit Fettes Grinsen

Aber andere Mitdiskutanten müssten schon selber ihren Hintern dazugesellen Winken Zwinker
27.09.2022 20:08

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Zitat von Myrath:
Zitat von Murphy:

Allerdings ... macht der Thread wenig Sinn, wenn nur 2 (!) Leute mit mir diskutieren.

Isso Zwinker

Ich kann da leider nichts zu beitragen, hab bisher nur eine Handvoll Sätze aus diversen Büchern von Wolf gelesen und es hat mir gereicht. Ich hab vor ein paar Wochen ein paar alte TKKG-Bände digital bekommen, ob ich mich da mal dransetze, weiß ich noch nicht, vielleicht im nächsten Urlaub mal.

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27.09.2022 20:09

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@Mangobanane
Also eher eine negative Reaktion beim ersten Lesen?
27.09.2022 20:10

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Zitat von Murphy:

Ein Erfolgsfaktor (von mehreren) kann der Schreibstil durchaus gewesen sein: Im Pelikan-Verlag erschienen in den 80'er Jahren etliche Serien. Nur TKKG wurde so erfolgreich. Von den anderen Serien erschienen meistens weniger als 20 Bücher. Da waren auch Serien dabei, die ebenfalls im Medium Hörspiel veröffentlicht worden sind (z. B. Funk-Füchse).

Von Stefan Wolf stammt ja auch Tom&Locke. Ich finde, sie sind im Schreibstil sehr ähnlich/gleich - aber die Thematik ist eine andere, eine härtere, und die Geschichten später ja eher Grusel als Krimi. Diese waren ja bei weitem nicht so erfolgreich wie Tkkg.

Dazu gibt es auch noch den "Puma und seine Freunde", die ich gerade lese. Diese könnten 1:1 Tkkg sein - es gibt sogar die von @Myrath nicht so geschätzten Klammererklärungen Happy Aber auch davon sind nur 10 Bände erschienen.

Aktuell würde ich sagen, bei Stefan Wolf und Tkkg war es ein Dreiklang aus genereller Krimi-Thematik, Schreibstil und der richtige Ort/Zeit (der Puma ist ja aus 1994+).

Was mir bei den Funk-Füchsen aufgefallen ist - ohne, dass ich es gerade belegen kann - ist, dass oft Sätze adjektivisch stark ausgeschmückt sind, das macht das Lesen stellenweise holprig (vielleicht finde ich da ein Beispiel). Solcherart Sätze habe ich bei Stefan Wolf nicht in Erinnerung. Aber das sind alles nur persönliche Einschätzungen, ohne dass ich eine detaillierte Analyse gemacht hätte.
27.09.2022 20:10

Myrath ist männlich Myrath
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@marcm200
Kurzer Nachtrag: Die Klammererklärungen habe ich jetzt auch woanders entdeckt; bei einem Commander Perkins Buch von H.G. Francis Erstaunt Es ist also nicht nur bei Wolf aufgetreten.

Was die Funk Füchse als Buch angeht hatte ich das Gefühl, dass Greif sich sehr an TKKG orientiert hat, wenn auch nicht unbedingt rein stilistisch.

Das mit den anderen Serien von Wolf ist auch ein guter Punkt. Ähnliches kann man ebenfalls über H.G. Francis sagen, denn er hat ja auch nach EUROPA noch Sachen gemacht... Ich glaube wirklich, die Hörspiele sind beim Erfolg ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Würde auch erklären, warum z.B. Paul Pepper nie so groß geworden ist obwohl die Bücher sehr gut geschrieben waren (aber die Hörspiele entsprechend nicht mit denen von EUROPA mithalten konnten)...
27.09.2022 20:17
27.09.2022 20:19

MihaiEftimin ist männlich MihaiEftimin
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Zitat von Myrath:

Aber andere Mitdiskutanten müssten schon selber ihren Hintern dazugesellen Winken Zwinker

Ick fühl mir anjesprochen, wa? Fettes Grinsen

Da ich mit ein paar anderen Leuten auf einer anderen Plattform bereits viele Zitate gesammelt habe, muss ich hier jetzt da im Grunde nur noch Copy & Paste machen. Zwinker Für den Anfang suche ich erst mal ein paar raus:

Aus "Stimmen aus der Unterwelt":

Zitat:
Wieder redete der Ganove weiter, ohne darauf einzugehen. "Du hast keine Kinder, Quacksalber. Aber du hast einen Neffen. Offenbar ist er dein
einziger Verwandter. Ihn werde ich umbringen."
Holmann lachte. "Wirklich? Kann ich mich darauf verlassen?"
"Was soll das heißen?"
"Ob Sie ihn wirklich umbringen, diesen Mistkerl?"
"Sage ich doch. Wieso Mistkerl?"
"Ich verabscheue diesen aufgeblasenen Wicht." Holmann blähte den Hals, als überschreite er die Schwelle zu einem Tobsuchtsanfall. "Nein, ich hasse ihn. Kein Tag verging, an dem wir uns nicht in den Haaren lagen - wegen der Pacht. Vor drei Jahren, als ich mit dem Praktizieren aufhörte, fand ich keinen geeigneten Nachfolger. Kein Kollege wollte in die Provinz. Andreas war der einzige. Wohl oder übel mußte ich ihn nehmen, obwohl ich ihn nicht leiden kann, seit kleinauf. Als Junge hat er mir immer in die Schuhe gepinkelt. Mein ganzer Schuh-Schrank war naß. Im Garten hat er die Blumen geköpft. Seine Spezialität war, aus meinen Autoreifen die Luft rauszulassen. In einem besonders strengen Winter haben er und seine Kumpane fünf Raummeter Schnee - des Nachts - vor meine Haustür geschaufelt. Bis hoch an die Lampe. Mit Wasser haben sie alles begossen. Morgens lehnte sich ein Eisberg ans Haus, an den Eingang. Ich mußte meine Patienten durch die Kellertür reinlassen. Mann, räumen Sie den Andreas aus dem Weg, und ich schließe Sie in mein Nachtgebet ein."

Dieses Zitat finde ich völlig ironiefrei gut, einfach weil ich Wutreden dieser Art in Büchern eigentlich immer feiere - offenbar im Gegensatz zu den Skriptautoren, welche diese regelmäßig rauszukürzen scheinen. Siehe auch Paul Pepper, der im ersten Band eine herrliche Drohung an den Kopf geworfen bekommt, welche im Hörspiel leider fehlt bzw. stark abgeändert wurde.

Aus "Terror aus dem Pulverfass":

Zitat:
"Ginge es nur um ihn", sagte Tim, "könnte die Sache ein Zufall sein. Aber was haben wir festgestellt? Roderich Obermeier spart sich 98 Mark Taschengeld zusammen. Eines Tages hat er plötzlich eine Beule am Kopf. Und null Mark in der Tasche. Roderich behauptet, er habe das Geld verloren. Ein ähnliches Bild stellt sich dar bei Hartmut Wanke, Erich Obselt, Mario Plessenschmidt, Jens Radtke, Heinz Obskulla, Gotthelf von Memelstein, Fritz Zwetschel, Odemar Nüpp, Karl-Heinrich Dschuschliczek und Friedhelm Kröns-Aalsen. Richtig? Alles Schüler der Unterstufe. Alle sind plötzlich verletzt. Haben blaue Flecke, können nicht mehr sitzen, humpeln – wirken wie durch den Fleischwolf gedreht. Alle behaupten, sie wären vom Rad gefallen, die Treppe runter - oder sonst wie zu Schaden gekommen.
Und allen fehlt was Wertvolles. Die Uhr. Das Taschengeld. Das Kofferradio. So weit die Tatsachen. Da wir ja nicht blöd sind, vermuten wir, dass die Verletzungen in engem Zusammenhang stehen mit dem Verlust der Wertgegenstände. Wir - besonders ich - befragen die Betroffenen. Aber keiner rückt raus mit der Wahrheit. Sie bleiben bei ihrer Behauptung, die Sachen verloren und sich bei Unfällen verletzt zu haben. Dass ich die Lüge nicht glaube, sage ich. Ohne Erfolg. Radtke, Nüpp und Kröns-Aalsen sind
zwar käseweiß geworden. Wanke und Memelstein haben gezittert wie Hundeschwänze - kurz bevor der Vierbeiner vorn zubeißt. Aber die Wahrheit ist nicht ans Licht gekommen. Ich hatte Fransen an der Zunge. Das war alles."

Hierbei musste ich lachen, nicht nur weil Tim hier wieder aus der Lameng einen Haufen Namen aufzählt, als ob er sich Karls Gedächtnis ausgeliehen hätte, sondern auch weil einige dieser Namen wieder Beispiele für wolf'sche Namensgebung sind.

Aus "Alarm im Zirkus Sarani":
Zitat:
Blitti, die beim Reden immer etwas aufgeregt wirkte, sagte: "Den Hibler... also, den kennen wir. Die Kutscher rufen ihn Erwin. Wir nennen ihn Griesgram. Nett ist der nicht. Mich hat er, glaube ich, mal beobachtet - durchs Fenster -, als ich unter der Dusche stand." Sie wurde rot. "Aber ich kann’s nicht beweisen. Ob der so was macht, mit Gift, tja, ich weiß nicht... zu dir, Dirk, ist er immer sehr freundlich, nicht wahr?"

Bei sowas frage ich mich ja immer, ob das Absicht oder unfreiwillige Schlüpfrigkeit ist ... Fettes Grinsen
27.09.2022 21:12

Murphy ist männlich Murphy
Nanu, warum steht hier kein Text?


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Neues Buchzitat

Band 41 „Spion auf der Flucht“ (Pelikan) ab Anfang

Kaum fing der Nachmittag an, hatte Gaby im Supermarkt alles eingekauft. Karl spielte Packesel, bzw. Lastenträger und trottete neben ihr her.
Er hatte Schlimmes befürchtet und mit Kreuzschmerzen gerechnet. Aber die Einkaufstüte, die Gaby ihm dann übergab, hielt er locker mit zwei Fingern.
„Einmal Zahncreme, ein kleines Toastbrot, Butter und Teebeutel", erklärte sie. „Mehr stand nicht auf seinem Einkaufszettel. Ich glaube, er ist nicht sehr anspruchsvoll."
„Das sind Pauker nie", nickte Karl, „höchstens in geistiger Hinsicht. Bei Lattmann betrifft das vor allem musische Kultur. Wie sagt der immer? Für einen Nachmittag im Louvre (Pariser Kunst-Museum) könnte ich ein halbes Jahr hungern."
„Klößchen könnte das nicht", lachte sie.
Sie verließen den Supermarkt.
Draußen umschmeichelte sie die weiche Luft des Spätsommers.
Gaby machte einen Schmollmund und pustete aufwärts ge-: gen ihren Goldpony. Karl hängte die Tüte an seinen Fahrradlenker.
Dann fuhren sie zu Lattmann - zu Dr. Friedrich Lattmann, dem beliebten Kunsterzieher und Zeichenlehrer der Internatsschule.
Er war mit der Kunst verheiratet, hatte also weder Frau noch Familie, was ihm anscheinend behagte, denn seine gute Laune gehört zu ihm wie der verklärte Blick, wenn er von Pablo Picasso (spanischer Maler und Graphiker) redete. Das hatte ihm den Spitznamen ,Picasso' eingetragen.
Als Pauker fiel ,Picasso' seit einer Woche aus. Er war das Opfer eines unbekannten Verkehrs-Rowdys geworden, und sein linkes Bein steckte bis zur Hüfte im Gips. Gestern hatte man ihn aus dem Krankenhaus entlassen. Nun saß er in seinem winzigen Häuschen und war angewiesen auf fremde Hilfe.
Die TKKG-Bande, der selbst ärgste Feinde nicht unterstellen würden, daß sie bei Paukern schleimt - die TKKG-Bande hatte sich erboten, dieses und jenes für Lattmann - Picasso - zu erledigen.
Tim und Klößchen waren zur Stunde verhindert. Aber Gaby und Karl ließen Lattmann nicht hängen. Sicherlich lechzte er schon nach seinem Nachmittags-Tee; und wer wußte, wann er sich zum letzten Mal die Zähne geputzt hatte.
Er wohnte im Stadtteil Maisinghausen. Vor Zeiten war das ein Dorf gewesen, außerhalb der Riesenstadt. Aber diese Selbständigkeit lag lange zurück. Städte wachsen nun mal; und sobald die letzte Wiese zwischen Stadt und Dorf mit Beton vollgeklotzt ist, wird eingemeindet, und das Dorf ist ein Stadtteil.
In Maisinghausen freilich überwiegen die Gärten. Die Häuser sind klein. Manchmal riecht es nach Landluft, und die meisten Bewohner kennen ihre Nachbarn so gut wie sich selbst -was aber nicht immer erwünscht ist.
Gaby und Karl stiegen ab, lehnten ihre Tretmühlen an den Zaun und brachten die Kabelschlösser an, denn Vorsicht ist bekanntlich der Feind der Fahrraddiebe.
Lattmanns Häuschen badete im Sonnenlicht. Im Garten wuchsen Obstbäume. Das Unkraut gedieh. Lattmann, der richtigerweise nicht einsah, wieso Unkraut bekämpft wird, hatte es zu nützlichen Pflanzen ernannt. Kein Wunder, daß der Anblick seines naturbelassenen Gartens geradezu prächtig war.
Karl schlenkerte mit der Einkaufstüte.
Gaby nahm den Hausschlüssel aus dem Blumentopf neben der Eingangstür und schloß auf.
„Herr Dr. Lattmann, wir sind's!" rief sie die schmale Treppe hinauf.
Picassos Krankenzimmer war im Obergeschoß.
„Schön, daß ihr kommt!" antwortete er.
Sie stiegen die Holzstufen hinauf. Durch ein kleines Fenster fiel Sonnenlicht in schräger B ahn.
Ziemlich viel Staub lag herum, wie Gaby feststellte. Aber dazu hatte Lattmann sicherlich dieselbe Einstellung wie zum Unkraut.
Sein Atelier, wie er den Raum nannte, befand sich an der Schmalseite des Häuschens. Durch ein Panoramafenster im schrägen Dach drang Tageslicht in überwältigender Fülle herein. Und nicht nur das. Die Bäume schienen hereinzuwachsen.
Weit reichte der Blick wegen der Obstbäume nicht. Aber an einem kränkelnden Apfelbaum hatte Lattmann, bzw. der Friedhofsgärtner - mit dem er befreundet war -, einige Äste ausgelichtet.
Ungewollt ergab sich dadurch ein Durchblick zum Nachbarhaus, was später noch von erheblicher Bedeutung sein sollte.
„Riesig nett, wie ihr euch um mich kümmert!" strahlte Lattmann. „Gaby, du bist ja wie eine Mutter zu mir."
„Wenn ich Ihre Mutter wäre", lachte sie, „müßten Sie sich besser ernähren. Oder haben Sie noch genug im Eisschrank?" Picasso bestätigte, er habe.
Mit Blick zum Fenster hatte er sich in einen bequemen Sessel niedergelassen. Und das Gipsbein auf einem Hocker ausgestreckt. Krücken und Telefon standen bereit. Neben Lattmanns Sessel stapelten sich Kunstbildbände.
Der Kunsterzieher war schmächtig und unsportlich. Seit seiner Kindheit hatte er keinen Ball mehr angefaßt und keine Turnschuhe getragen. Er neigte zu schlechter Haltung und wog nur 64 Kilo bei einer Größe von 188 cm. Kummer bereitete ihm das nicht. Selbst mit dem Schwinden seiner Künstlermähne hatte sich sein sonniges Gemüt abgefunden. Er neigte nämlich zum Haarausfall, und die Stirn dehnte sich aus. Da ihm die Haare hinten bis auf die Schultern hingen, bot er einen komischen Anblick.
„Wenn du uns Tee machst, Gaby", meinte er, „trinken wir alle ein Täßchen."
„Den Tee brüht Karl", bestimmte sie. „Ich muß mit Ihnen abrechnen."
Also stakte Karl in die Küche hinunter - und tröstete sich damit, daß Jungen und Mädchen heutzutage gleichberechtigt sind, also auch die gleichen Pflichten erfüllen dürfen.
Gaby zeigte Lattmann den Kassenzettel, den er gar nicht sehen wollte, weil er vollstes Vertrauen hatte. Doch sie bestand darauf und zählte dann das überschüssige Geld ab.
„Leg's doch bitte auf den Schreibtisch", bat er. Im nächsten Moment schrie er: „Nein, nicht auf das Bild."
Gabys Hand voller Münzen erstarrte in der Luft.
Stirnrunzelnd blickte sie auf ein Blatt im DIN-A-4-Format, das auf dem Schreibtisch lag. Jemand hatte es offensichtlich benutzt, um seine Farbpinsel daran abzuwischen. Ein buntes Geschmiere war entstanden.
„Hier ist kein Bild", sagte sie.
„Aber ja. Das ist sogar ein Original (vom Künstler eigenhändig geschaffenes Werk). Deshalb bitte nichts drauflegen. Es heißt: Während des Urknalls (Entstehung des Weltalls). Ich kenne den Maler persönlich. Detlef Blassmüller ist ein Hiesiger und gibt Anlaß zu großen Hoffnungen. Ich bin mit ihm befreundet und stolz darauf. Das Gemälde dort ist auch von ihm."
Gabys Blick folgte Lattmanns ausgestrecktem Arm.
An der Wand hing ein großes Foto. Es zeigte eine Zirkusnummer, die der Fotograf festgehalten hatte: einen Schimpansen, der auf einer Geige spielte und von fünf kleinen Schimpansen umgeben war. Sie lauschten ihm andächtig.
„Ich sehe kein Gemälde", sagte Gaby.
„Dort, dort! Der Schimpansen-Menuhin (Menuhin = weltberühmter Geigenspieler)."
„Das ist doch ein Foto."
„Eben nicht. Ein Gemälde."
Gaby trat näher. Jetzt sah sie, daß es sich um Ölfarbe handelte und nicht um Zelluloid.
„Toll! Total naturgetreu."
„Ja, das kann Blassmüller auch. Er kann so malen und so
malen. Ein Genie. Nur zur Zeit befindet er sich in einer schwachen Periode. Er hängt gemütsmäßig völlig durch. Eine reine Selbstsuchts-Phase."
„Aha!" nickte Gaby. „Und wie äußert sich diese Selbstsuchts-Phase?"
„Er malt nur sich selbst. Nur Porträts (Brustbilder) von Detlef Blassmüller. An die 50 hat er fertig. Aber er verkauft keine. Sie hängen alle draußen in seinem Haus in Grünauken."
„In Grünauken? Tim und Willi sind jetzt dort. Bei Gernot Panczek und seinen Eltern. Tim verkauft sein altes Rennrad, weil er seit gestern ein neues hat."
„Ein neues?" fragte Lattmann geistesabwesend. Rennräder interessierten ihn überhaupt nicht - höchstens gemalte.
„Ja. Zu den Porträts würde ich gern wissen: Sind die naturgetreu oder in diesem wüsten Kraut-und-Rüben-Stil wie der Urknall?"
Lattmann lächelte. „Naturgetreu. Wie fotografiert. Detlef meint, daß er als Motiv zu unbedeutend sei, um die zerbrochene Form - den Kraut-und-Rüben-Stil, wie du es nennst -anzuwenden. Das behält er sich vor für erhabene Themen."
„Wie den Urknall?"
„Wie den Urknall", bestätigte Lattmann.
In diesem Moment gab es einen gewaltigen Knall vor der Tür auf der Treppe.


2. Nette Nachbarn?

Sie hörten, wie Karl fluchte. Bevor Gaby die Tür erreichte, kam er herein. »Tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Aber als Kellner bin ich letzte Wahl. Eine Tasse und eine Untertasse sind nur noch Scherben.«
»Das macht doch nichts«, rief Lattmann fröhlich, »Scherben bringen Glück. Welche ist es denn?« »Deutsche Bundesbahn – stand drauf.« »Schade! Die Tasse stammt aus meiner Studentenzeit. «Gaby nahm Karl das Tablett ab, bevor ein weiteres Unglück passierte. Vom Geschirr passte nichts zusammen. Die Kanne bestand aus dickwandiger Keramik. Eine Tasse gehörte zum Geschirrbestand des Hotels GOLDENER SCHWAN, die andere war
eine Schnabeltasse, die eigentlich nur in Krankenhäusern üblich ist, wo bettlägerigen Patienten Flüssiges damit eingeflößt wird. »Eine Tasse muss noch unten sein«, sagte Lattmann. »Ich
hatte vier. Das weiß ich genau. Mir bitte die Schnabeltasse, Gaby. Die will ich euch nicht zumuten.« Gaby goss den Tee ein. Karl lief abermals hinunter und holte die vierte und letzte
Tasse, die keinen Henkel mehr hatte. Er lebt tatsächlich genügsam, dachte Gaby. Auch die Möblierung ist bescheiden. Wie viele Hemden er wohl hat? Aber Kunstbildbände, wohin man sieht. Picasso weiß genau, wofür er sein Gehalt ausgibt. Lattmann rückte sein Gipsbein zurecht. »Zweimal gebrochen«, erklärte er. »Der Knochen ist gena-gelt.« »Tut es noch weh?«, fragte Gaby. »Das nicht. Aber wenn der Gips runterkommt, werde ich lange humpeln.«
»Wie war das eigentlich?«, fragte Karl. »Wir hörten, der Täter sei bis heute nicht ermittelt worden.« »Bis heute nicht«, nickte Lattmann. »Ich stand an der Ecke Bornheimer Straße, als dieser Wahnsinnige anpreschte. Auf seinem Motorrad. Er hat die Kurve nicht geschafft und mich buchstäblich über den Haufen gefahren.«
»Schrecklich!« Gaby nippte an ihrem Tee. Er war sehr bitter. Lattmann hatte keinen Zucker im Haus. »Ich kann von Glück sagen, dass es nicht schlimmer kam«, erzählte Lattmann. »Ich lag da mit gebrochenem Bein und der Kerl ist weitergerast.« »Also Fahrerflucht!«, stellte Karl fest.
»Ein Krimineller. Und so sah er auch aus. Das heißt, vom Gesicht und so habe ich nichts gesehen.Auch leider das Nummernschild nicht. Aber seine Aufmachung verriet viel.«
Lattmann blickte zum Fenster hinaus. Auch Gaby konnte durch den ausgelichteten Baum zu den Nachbarn hinübersehen. Das Haus dort war etwas größer und moderner. Eine hohe Hecke grenzte zur Straße hin ab. Sehen konnte Gaby das nicht. Aber sie wusste es – vom
mehrfachen Vorbeifahren. Eben öffnete sich die Eingangstür. Sie war an der Schmal-
seite und hatte ein kleines Fenster in Kopfhöhe. Es war in vier Scheiben unterteilt. Über der Tür, im Obergeschoss, gab es ein Fenster. Neben der Tür wuchs eine mannshohe Kentiapalme
im großen Terrakottakübel. Eine junge Frau schob den Kopf ins Freie und blickte zur
Straße. Dann schloss sie die Tür wieder. »Wie war er denn aufgemacht?«, fragte Karl, dem der Tee nicht schmeckte. Gaby merkte es an den winzigen Schlucken, die er nahm. »Irre!«, murmelte Lattmann. Er schloss die Augen, um das Bild aus der Erinnerung hervorzuholen. »Eine knallrote, schwere Maschine. Knallrot und silbrig. Der Fahrer trug einen weißen Motorradanzug.Vermutlich Leder. Dazu einen schwarzen Sturzhelm. Auf dem war vorn ein weißer Totenkopf aufgemalt. Daran erinnere ich mich genau. Zwar habe ich ihn von
vorn nur Sekundenbruchteile gesehen. Aber so was vergisst man nicht.«
Drüben wurde wieder die Tür geöffnet. Diesmal drängte sich ein kleines, höchstens fünfjähriges Mädchen neben die Frau. Es war allerliebst. So einen Fratz hätte Gaby sich als kleine Schwester gewünscht. Lattmann bemerkte Gabys Blick. »Das ist Helga Dröselhoff«, erklärte er unaufgefordert. »Mit ihrem Sabinchen. Die sind erst vor einem halben Jahr
dort eingezogen.« »Nette Nachbarn?«, fragte Gaby.

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Romeo und Julia treffen sich. Julia fragt Romeo: "Was machen wir heute Abend?"
Darauf antwortet Romeo: "Ich richte mich nach dir!"
27.09.2022 21:22

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