Ein Hai sitzt auf dem Trockenen
Millis Mitschülerin Günsel ist traurig, weil die Nachbarn ihr und den anderen türkischen Mietern die Schuld an den seltsamen Vorfällen im Lindenhof geben. Die Pizza-Bande will helfen und versucht, herauszufinden, was es mit den Sabotageanschlägen auf sich hat…
Die Folge behandelt einige Themen, die auch heute noch aktuell sind: Fremdenfeindlichkeit und Luxussanierungen. Für TKKG-Hörer drängt sich hier der Vergleich zur Folge „Gehilfen des Terrors“ auf, wobei ich die Umsetzung hier gelungener finde.
Achtung, Spoiler!
Nach dem sehr eingängigen und peppigen Intro-Lied gibt es direkt Action mit Tommis Unfall. Die anschließende Szene im Laden der hilfsbereiten Frau eignet sich zudem wunderbar dazu, die Mitglieder der Pizza-Bande der Hörerschaft vorzustellen. Clever gemacht.
Anschließend geht es dann um Günsel und die Vorfälle im Lindenhof. Mir gefällt dieses alte Wohngebäude als Schauplatz sehr und durch die vielen Mieter, von denen auch tatsächlich mehrere zu Wort kommen, fühlt es sich wirklich wie ein belebter Ort an. Besonders auffällig ist, dass hier teilweise auch mit Dialekt gesprochen wird, was das Ganze noch etwas realistischer und nahbarer macht. Die Anschläge auf die Wohnanlage sind zudem alle auch rein akustisch anschaulich dargestellt, da muss sich der Ton wirklich nicht vor den Europa-Produktionen verstecken.
Die Detektivarbeit besteht einerseits aus Beobachtung/Bewachung, aber auch aus Recherche, als Tommi und TH sich gezielt über Harry Lehmgrubers Bauprojekte erkundigen. Natürlich ist da auch ein bisschen Kommissar Zufall dabei (das Gespräch der beiden Männer vor dem Schwarzen Brett), aber es hält sich in Grenzen. Das Thema Luxussanierung wird für Kinder gut verständlich erklärt. Das Erzähltempo empfinde ich als sehr angenehm und durch die neuen Anschläge wird es auch nie langweilig.
Mir gefällt besonders, wie sich am Ende die Mieter alle zusammenschließen, um dem Immobilienhai einen Strich durch die Rechnung zu machen. Zusammen ist man stärker als allein – eine schöne Botschaft.
Die Sprechleistung ist ziemlich gut. Bei den Kindern sind Frank Voggenreiter als Tommi und Wiltrud Haas als Milli sehr stark, während ich Matthias Haase als TH ein kleines bisschen schwächer finde. Anja Frohwitter als Schräubchen ist zwar nicht die stärkste Sprecherin, ihre Darbietung hat für mich aber irgendwie einen gewissen Charme. Schön auch, dass man hier zumindest für Tommis Vater mal einen echten Italiener besetzt hat.
Von den Gastsprechern sind mir Harald Schreiber als Harry Lehmgruber, Bruno W. Patel als Herr Schmetter und die unbekannte Sprecherin von der zeternden Frau Krause im Gedächtnis geblieben. Auch der Sprecher von Mehmet hat mir gut gefallen.
Das Cover zeigt mal wieder eine Szene, die so direkt im Hörspiel nicht vorkommt: Vom oberen Teil eines Treppenhauses aus beobachtet die Pizza-Bande eine dunkle Gestalt mit Mantel und Hut im Erdgeschoss, die eine Sprosse am Treppengeländer herausbricht, welches ohnehin schon recht ramponiert aussieht.
Die Bildkomposition ist gelungen und durch die farbliche Aufteilung (oben hell, so dass die Kinder im Fokus sind, und unten dunkel, so dass die Gestalt im Schatten liegt) wird auch etwas mysteriöse Spannung aufgebaut. Die Zeichnung ist an sich ganz schön, hat aber leider auch kleinere Schnitzer, die jedoch nur bei genauerem Hinschauen auffallen (wie THs linke Hand und die Anatomie von Millis linkem Bein). Sonst gefällt mir das Cover aber sehr gut.
Fazit:
Diese Folge war meine erste der Reihe und hat dadurch sicher auch einen gewissen Nostalgie-Bonus. Aber selbst, wenn ich den außer Acht lasse, finde ich die Folge äußerst gelungen. Es werden reale und auch für die Kinder greifbare Probleme angesprochen, die leider nichts von ihrer Aktualität verloren haben und eine wichtige Botschaft vermitteln. Dass die Sprecher teilweise mit Dialekt und ungeschönt „natürlich“ sprechen, gibt dem ganzen einen gewissen Charme. Man lernt die Mitglieder der Pizza-Bande auch gut kennen, da jeder von ihnen einen Moment zum Glänzen bekommt, was mir bei der ersten Folge von Europa etwas gefehlt hatte. Rundum ein gut produziertes Hörspiel.
10 von 10 Punkten
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