TKKG werden zu Öko-Terroristen
Zu Stefan Wolf-Zeiten schlugen die TKKG-Bande - vor allem in Gestalt von Antriebsperson Tim - und/oder ihre Sympathisanten gerne mal über die Strenge, vor allem drei Folgen fallen in dieser Hinsicht besonders auf. Diese hier ist neben den Hörspielfolgen 103 und 125 nun eine davon.
Das Hörspiel wirkt besonders hinten raus extrem gepresst. Die Szenendichte ist geradezu beängstigend, kein Dialog wird zu sehr ausgewalzt und es werden ungefähr fünf Handlungsstränge gleichzeitig behandelt. Selbst als die Handlung schon weit fortgeschritten ist, wird noch ein neuer Strang aufgemacht. Es gibt Erpressung, Entführung, Fahrerflucht, Vandalismus im Off und natürlich die sich durch die ganze Folge ziehenden Schlachtviehtransporte.
Tim und Klößchen zeigen doppelmoralische Ansichten: Tim verurteilt Selbstjustiz scharf, wird dann aber selbst zum Aggressor, der Telefonterror macht, offene Drohungen ausspricht und seine Freunde zu Wegelagerung, Diebstahl und Freiheitsberaubung anstiftet. Klößchen macht sich im Gasthaus über eine große Schlachtplatte her und rettet am nächsten Tag Pferde vor dem Schlachter. Natürlich kann man auch Tierschützer sein, ohne gleich vegan leben zu müssen, hier ist es aber schon sehr extrem. Abgesehen davon wäre ich als Kommissar Glockner nicht so relaxed damit und würde meiner Tochter den Umgang mit Tim nach all dem untersagen. Warum werden sie eigentlich für den Diebstahl nicht angezeigt? Es wird ja sogar betont, dass Möngheym diesbezüglich legal handelt und sie stellen sich bei der Tat wirklich himmelschreiend blöd an, maskieren sich nicht und riskieren sogar, von Buchholz einfach über den Haufen gefahren zu werden.
Beeindruckend ist, dass TKKG zwar oft zu hören sind, die Handlung aber fast ausschließlich durch die Gastcharaktere vorangetrieben wird. Am Ende haben TKKG keinen Fall selber gelöst. Ulrich Panke, der einen nicht unerheblichen Anteil an der Geschichte hat, lernen sie nicht mal kennen. Der Sinn hinter der Szene mit Georg Krawuttke erschließt sich mir auch nicht, da der Krankenbesuch die Handlung quasi gar nicht voranbringt. Ist vielleicht für den Humoranteil eingefügt worden. Was Krawuttke da wirklich in seiner Tasche hatte, bleibt jedenfalls unklar und wieso gleich mehrfach Fahrerflucht begangen wird, kommt aus der Handlung auch nicht heraus.
Ganz wild wird es dann, als die Figur von Ludwig Felch eingeführt wird. Das hätte man sich wirklich sparen können, es wird eh nur im Off aufgelöst und mehr als einen Anruf darf er nicht machen. Da wollte man einfach zu viel. Es funktioniert eben nicht immer, ein Buch in 45 Minuten durchzuboxen.
Am Ende erkennen TKKG selber, dass ihr Handeln recht sinnfrei war - dass sie sich in mehrfacher Hinsicht strafbar gemacht haben, schert jedoch keinen. Genau solche Aktionen sind es auch, die die Klimaschutz-Szene heute in massiven Verruf bringen. Wäre TKKG eine Serie mit fortlaufenden Handlungssträngen, hätte man hier den Grundstein für eine linksradikale Öko-Terroristen-Karriere gelegt. Auf der moralischen Ebene kann man hier nur sagen: Sechs, setzen! Die Froschrettung ist da noch das Positivste, was TKKG hier zustande bringen.
Auch die Fahrerflucht-Geschichte löst sich mehr oder weniger im Off auf. Die Ermittlungen von TKKG hätte es da gar nicht gebraucht. Zwischendurch spielt noch ein Demolierer irgendwie kurz eine Rolle, der dann irgendwann gefasst ist ohne TKKGs Zutun. Ausgereifter präsentieren sich nur die Stränge um Panke und Möngheym. Letzterer wechselt innerhalb der Folge seinen Vornamen von Richard zu Bernhard.
Was die Geschichte nicht bietet, bieten dafür ihre Charaktere sowie die Umsetzung von EUROPA, die dem Stoff wirklich den Allerwertesten rettet. Sprecher, Atmosphäre und Musik sind sehr stark, die straffe Skriptbearbeitung sorgt auch dafür, dass man vieles erst hinterher hinterfragt. Nicht ganz klar ist, warum Horst Naumann hier gleich drei Rollen spricht, von denen eine sicher auch Andreas Beurmann hätte übernehmen können. Insgesamt ist das Ensemble wirklich gut - neben Naumann sind auch Wolfgang Völz, Katja Brügger, Ernst von Klippstein, der junge Jannik Endemann, der junge Woody Mues, Douglas Welbat und Christian Stark zu hören. Die Dialoge werden gespielt.
Legendär ist die Sprecherleistung von Karl Knauer, der als offensichtlicher Amateursprecher einen ungewöhnlich großen Redeanteil hat. Während heutige Laiensprecherleistungen in der Regel einfach schwach sind, finde ich Knauer extrem kultig und so schlecht, dass es schon fast wieder gut ist. Ehrlich gesagt funktioniert die Figur Ulrich Panke gerade seinetwegen so gut. Ich finde auch nicht, dass man ihn hier durch den sächsischen Dialekt ins Lächerliche zieht. Jens Wawrczecks sächselnde Performances in den Folgen 80 und 125 wirken da wesentlich komödiantischer.
Pankes Klingeltrick ist wahnsinnig schlecht durchdacht. Warum sagt er nicht, dass er auf einer Party eine Frau kennengelernt hat, die ihm diese Adresse gegeben hat? Da hätte man nichts gegen sagen können.
Kurios, dass neben TKKG auch er seine Vergehen mit einer Selbstverständlichkeit und Unvorsichtigkeit begeht, als wäre er sich sicher, niemals geschnappt werden zu können. Ich fand’s fast ein wenig schade, dass er am Ende auch verhaftet wurde
Die atmosphärische und musikalische Gestaltung lässt keine Wünsche offen und trägt neben den Charakteren von Völz und Knauer maßgeblich dazu bei, dass ich die Folge alles in allem trotz der massiven inhaltlichen Schwächen immer noch lieber und öfter höre als die drei Nachfolger 86-88. Das Natursetting wird einfach super-schön eingefangen und nimmt den Hörer sofort mit Hinterstetten, das danach nie wieder in der Serie erwähnt wird. Dadurch, dass der Strudel der Ereignisse einfach nie abreißt, bleibt für Langeweile wenig Zeit. Die Folge zieht ihre Spannung alleine aus ihrer Vielfältigkeit und hätte vermutlich auch auf 70 Minuten noch funktioniert. Mein Highlight ist Tims Telefonterror-Szene und das Reingrätschen von Glockner in eben jene, der Tim wenigstens ein Mal in die Parade fährt (auch wenn es leider nichts bewirkt). Immerhin, ganze 69 Folgen später kriegt Tim dann doch mal für ein Minütchen Fracksausen, weil er seine Freunde mal wieder in Gefahr gebracht hat. Hier wartet man darauf vergeblich. Der Zweck heiligt alle Mittel und wenn’s um Tierschutz geht, dann ist alles erlaubt. Nun ja.
Trotz allem… ich mag die Folge irgendwie. Oder besser: Ich mag recht viele ihrer Komponenten. Sie ist einfach unterm Strich solide Unterhaltung, die man nicht zu sehr hinterfragen sollte. Vertont wurde die ganze Schose 1A, da gibt’s nichts zu meckern und Möngheym ist bei mir mehr kleben geblieben als so ziemlich jeder Nebencharakter der drei Nachfolger. Insofern hat man hier wirklich noch das Beste rausgeholt.
6/10