Hallo, Hallöchen!
Ich erinnere mich bei dieser Folge tatsächlich noch ziemlich genau, wie ich sie bekam. Das Jahr weiß ich nicht mehr, aber sie war ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk von meiner Omi aus Bayern. Ich hatte mir diverse TKKG-Kassetten (das sind diese Dinger mit zwei Seiten, die man nach der Hälfte umdrehen muss

) gewünscht und die MC kam an mit einem Zettel: "War leider nur diese eine lieferbar" (meine Omi war Buchhändlerin und der Großhändler hatte wohl nicht so viel TKKG auf Lager, frech!). Skurrilerweise war das dann offenbar auch noch eine Raubkopie, denn mitten in der Handlung fing das Ding an, stark zu rauschen. Das erste Telefonat zwischen Tim und Diehl habe ich deshalb immer kaum verstanden. Gerlach Fiedler nuschelt ja eh schon wie verrückt und wenn es dann noch rauscht, ist es noch schwerer. Erst Jahre später konnte ich mir die Folge als MP3 endlich störungsfrei anhören.
Trotz nicht von der Hand zu weisender Schwächen ein absoluter All-Time-Favorit von mir. Einen Löwenanteil an diesem Status hat - wie könnte es anders sein - Gerlach "Hallo-ho Hallöchen" Fiedler. Laut den Buchlesern eine kolossale Fehlbesetzung, was auch im Hörspiel durchscheint, denn bei Fiedlers Stimme denkt man nicht an einen unscheinbaren Mann mit kurzen blonden Haaren. Ich kann H. G. Francis aber verstehen. Wenn sich so eine Gelegenheit ergibt, dann greift man zu und pfeift auf die Vorlage. Vielleicht hätte man die Beschreibung des Täters dann allerdings gleich mit ändern sollen.
Dem wiederkehrenden "Gaby-wird-entführt"-Thema mischt man hier einen ganz neuen und so in der Serie auch ziemlich einmaligen Ansatz bei: Ein angekündigter Überfall, "irgendwann". Sehr genial. Vor allem, weil die Thematik hier ungewöhnlich drastisch für die Serie ist: Ein "Triebtäter" - was nichts anderes bedeutet als: TKKG jagen einen Vergewaltiger. Auf diese Thematik wird allerdings nur am Rande eingegangen, weil es halt sonst auch zu krass wäre und nicht mehr zum Stil der Serie passen würde. Es bleibt bei "So ein Kerl kommt von hinten und würgt sein Opfer" (nur bei Gaby wurde es offenbar eine Verschleppung). Deshalb wohl auch die dauerpräsente "weiche" Bezeichnung "Triebi".
Damit das nicht zum Hauptthema wird, hat Diehl eine Doppelrolle als Fensterbohrer, die wesentlich harmloser ist. Seine Komplizenschaft mit dem "dicken Molnitzka", der leider eine viel zu kleine Rolle hat, ist für ihn Fluch und Segen zugleich. Segen, weil er so rauskriegt, wo was zu holen ist, Fluch, weil ihn genau das zu Fall bringt.
Das ist auch so ziemlich der größte Fauxpas hier: Diehl behauptet, während des Einbruchs bei Dr. Bachmüller abfotografiert zu haben, was dieser (logischerweise NACH dem Einbruch!) als gestohlen gemeldet hat. Kann jemand so blöd sein? Das ergibt so gar keinen Sinn. Verstehe ich bis heute nicht. Bachmüller und Glockner bemerken diesen Widerspruch nicht mal.
Auch anderen Passagen merkt man die H. G. Francis-Handschrift an: TKKG fahren zu Rüblers zum Essen und sind dann später nochmal am gleichen Tag zu einer großen Gartenparty bei den gleichen Gastgebern eingeladen? Auch das Ende wirkt leider sehr zusammengestrichen. Das fand ich immer etwas schade, denn die letztliche Gefahr für Gaby besteht nur für kaum fünf Minuten. Warum Molnitzka plötzlich so geständig ist, kommt aus der Umsetzung nicht heraus. Vielleicht, weil diese Folge eh schon länger ist, als der damalige Francis-Durchschnitt. Tims Verhalten am Anfang ist auch eher selten dämlich - "Gucken Sie mal, Sie sind doch der Triebtäter hier, oder?" Könnte man aber auch damit erklären, dass Tim sich ein bisschen zu sehr auf seine Kampfsportkünste verlässt.
Trotzdem ist die Folge in ihrer Gesamtheit einfach klasse. Immer wenn man ihn gerade braucht, schiebt sich Fiedler mit "Hallo Hallöchen" in den Vordergrund und kreiert allein mit seiner Stimme einen Höhepunkt. Das Gespräch mit Plauen ist super - "Jetzt sieht es schlecht aus für Sie und Ihren Freund Edgar" - "Wieso?"

und die Figur von Dr. Niedermacher mag ich trotz seines sehr geringen Sprechanteils total gerne - "Unmöglich!".
Sprechertechnisch geht mein Hörspielherz hier in Flammen auf. Fiedler, Krekel, Mahlich, Kreißler, Mackensy, Naumann, von Klippstein und auch alle anderen Rollen sind stark besetzt bis ins kleinste Detail. Minninger hat mal mehr als zwei Sätze und zeigt, dass er es doch eigentlich ganz gut kann. Die Edgar-Rolle steht ihm gut. Aber mittlerweile nuschelt er halt lieber "Verstanden, Inspektor" in Dauerrotation...
An der Produktion selbst ist wenig auszusetzen, sie ist flüssig, hat keine sterilen Szenen, eine fantastische Musikuntermalung (da dürften gerne so einige Stücke veröffentlicht werden...) und wurde mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Sprachlich fallen einige Sachen auf, die wohl damals "hip" waren - oder von Wolf so wahrgenommen wurden.
Auch wenn Folge 83 nicht der Thriller ist, der sie thematisch hätte sein können: Von Wolfs Werken eines der besten, wozu Francis sicherlich mit gewissen Entscheidungen auch beigetragen hat. Heute würde ich vermutlich mindestens einen Punkt fürs vergeudete Potential abziehen, aber es greift hier alles so wunderbar ineinander, dass ich es einfach nicht kann und über die Schwächen hinweghöre.
10/10
Fragen an die Buchkenner:
Wer ist Susanne?
Sie wird von Frau Rübler erwähnt. Sie wollte ihr "noch mehr" Familienschmuck schenken. Hat sie einen Nachnamen / Kontext?
Gibt das Buch mehr Informationen über Anna her?
Tim will den einarmigen Handstand nicht für sie machen, sondern nur für Gaby. Wer sie spricht, scheint auch nicht bekannt zu sein. Laut Hörspielforscher ist sie "ein Lyzeum-Mädchen".
Gibt es im Buch mehr Informationen über Dr. Bachmüllers Frau?
Im Hörspiel ist sie im Präsidium zwar anwesend, aber dauerhaft stumm. Hat sie einen Vornamen?
Stammen die Namen, die im Hörspiel nicht genannt werden, aus dem Buch?
Der Zahnarzt stellt sich nicht mit Namen vor, auch Edgars Nachnamen erfährt man nicht.