Call it Überheblichkeit, aber es kommt mir fast so vor, als hätte Anna Haslehner meine Kritik zu ihren ersten beiden Folgen gelesen und sich diese dann auch noch zu Herzen genommen. Sie macht hier unglaublich vieles, was bei den Folgen 116 und 118 noch semi-gut geklappt hat, um Einiges besser.
Die Geschichte wird von zwei Seiten aufgemacht: Einmal die Seite von Bibi, Tina und Alex und zum anderen die Seite des Grafen mit Fürstin von und zu Hohenfels und dem Aufschneider Cornelius Kohlberg. Dabei ist nicht von Anfang an klar, wie stark sich die beiden Stränge aufeinander zu bewegen werden. Beide Storylines sind auf ihre Art interessant und vor allem - und das ist die Hauptsache: Sie sind gut geschrieben, wirken mitnichten "hingerotzt", sondern mit vielen kleinen Details liebevoll ausgearbeitet.
Ganz toll finde ich, wie vernünftig die Charaktere hier herüberkommen und wie wenig Bibi und Tina heroisiert werden. Bei Dittrich wäre der Affe hundertprozentig mit zum Martinshof gekommen und hätte den Rest der Spielzeit Chaos gestiftet - Story Ende. Hier geht es gar nicht erst damit los, es wird sogar Bezug auf die alte Hanna genommen (Genau so geht Fanservice!) und dann ist auch schon der Lebenshof Thema. Ich kenne so was ja eher unter der Bezeichnung Gnadenhof, bin da aber vermutlich nicht mehr up to date. Ist wohl zu negativ, das Wort. Anders als beim Kanuausflug werden hier nicht noch zigtausend Haken geschlagen, bis wir das Hauptthema erreicht haben. Es geht weder zu schnell noch zu langsam.
Die Charakterzeichnungen sind einmal mehr sehr schön dreidimensional geraten, gerade die Fürstin ist mal so, mal so, sie hat ihre Macken, ist aber im Großen und Ganzen angenehm. Autoren, die solche Figuren erschaffen, die den Hörer auch 20 Minuten nach ihrer Einführung noch glaubhaft überraschen können, sind ja leider rar geworden bei Kiddinx, meistens wird stumpf in "Gut" und "Böse" eingeteilt, umso mehr freue ich mich hier. Im Worldbuilding ist Haslehner echt stark, auch hier hab ich das Gefühl, man könnte dem Lebenshof ne eigene Subserie geben (so mit „Kinder vom Süderhof“-Feeling
). Anders als beim Kanuausflug fliegen Bibi und Tina hier jedoch nicht aus ihrer eigenen Serie förmlich raus. Ein weiterer Pluspunkt und eine klare Verbesserung, ohne dass es auf Kosten der Charakterstärke von Nebenfiguren geht.
Die Handlung selbst ist natürlich nicht undurchschaubar. Man ahnt Teile der Geschichte voraus und es kommt jetzt nicht zum Mega-Plottwist - aber wo Haslehner kann, baut sie kleine "Oh"-Momente ein, so zB das Entschlüsseln von Rockys Sätzen (ich hab das mit der wahren Coco-Bedeutung tatsächlich nicht kommen sehen, obwohl es nahelag, das war richtig gut!) oder Tinas mutiger Alleingang und Bibis Hexblockade, das ist alles echt gut gemacht, wirkt angenehm reif und trotzdem nicht zu komplex oder zu dramatisch für die Zielgruppe.
Die Handlungsfäden Lebenshof und Tierschmuggel werden stabil aufeinander zu geführt, wobei es dann bei letzterem Thema leider ein bisschen oberflächlich bleibt und man nicht so wirklich darauf eingeht, was hinter so einem Netzwerk steckt. Das wäre für mich noch das Sahnehäubchen gewesen. Erstmals wird das LGBT-Thema bei Bibi & Tina eingebracht - aber völlig natürlich und ganz selbstverständlich, so finde ich das große Klasse.
Natürlich kommt Haslehner auch in dieser Folge nicht gänzlich vom Thema Nachhaltigkeit weg, aber im Vergleich zu ihrem Vorgängerwerk ist sie hier nicht halb so plakativ unterwegs. Man fängt nicht an, das Thema breitzutreten und überzubetonen, sondern sinnvoll und dezent einzubinden, es passt halt einfach zum Lebenshof - wenn's auf dem Level bleibt, hab ich kein Problem damit. Nervig wird's nur, wenn (Stamm-)Charaktere ständig betonen müssen, wie umweltbewusst und natürlich vegan sie doch leben und das ist hier nicht der Fall.
Niemand ist zu überzeichnet, was vielleicht auch mit an der unerwartet starken Regieleistung liegt, die viele Dialoge sehr natürlich wirken lässt - das hatten wir zuletzt ganz anders! Der Handlungsverlauf ist flüssig, die Atmosphäre sehr lebhaft (bei Haslehners Skripten wird erstaunlicherweise nicht mit Sprechern gegeizt, I like!) und es gibt keine Momente, bei denen man über die Charaktere nur den Kopf schütteln kann. Einzig dieses "Am selben Tisch leise über andere, die auch am Tisch sitzen, ablästern" wirkt soundtechnisch eher... na ja, recht unrealistisch. Aber wenigstens traut man sich überhaupt mal wieder, zwei Dialoge übereinander zu legen.
Die Folge macht einfach Spaß, das Skript ist gut, trotz der Länge auch überhaupt nicht langatmig, Regie, Sprecher und Atmo stimmen, die Charakterzeichnungen wissen zu gefallen, zwischenzeitlich wird es sogar spannend und das Wissen ist sehr natürlich eingebettet worden. Ja, das mit den Kunststücken bei den Tieren ist vielleicht ein bisschen drüber, wird aber nicht groß ausgewalzt.
Ne echt runde Sache und tatsächlich geht die 8 hier mehr Richtung 9 als Richtung 7. Da sieht man mal, dass man selbst so unspektakuläre Plots auch als Folge 120 noch so erzählen kann, dass auch ein Nicht-Zielgruppen-Hörer Freude damit hat. Auf diesem Niveau gerne weiterschreiben, die beste Folge seit der 101!
Eine sehr gute und auch spannende Folge. Stimmt, die letzten Folgen waren nicht so toll! Der Cornelius hätte glaube ich auch noch Potenzial für mehr Folgen. Wenn er in Falkenstein früher so viel Unsinn getrieben hatte. Und Bibi hat ( für ihre Verhältnisse auf dem Martinshof ) mal richtig viel gehext. Weiter so! Bin auf die Weihnachtsfolge gespannt!
__________________ Ruhe! Beim Nachrichten lesen möcht ich nicht gestört werden
Call it Überheblichkeit, aber es kommt mir fast so vor, als hätte Anna Haslehner meine Kritik zu ihren ersten beiden Folgen gelesen und sich diese dann auch noch zu Herzen genommen. Sie macht hier unglaublich vieles, was bei den Folgen 116 und 118 noch semi-gut geklappt hat, um Einiges besser.
Die Geschichte wird von zwei Seiten aufgemacht: Einmal die Seite von Bibi, Tina und Alex und zum anderen die Seite des Grafen mit Fürstin von und zu Hohenfels und dem Aufschneider Cornelius Kohlberg. Dabei ist nicht von Anfang an klar, wie stark sich die beiden Stränge aufeinander zu bewegen werden. Beide Storylines sind auf ihre Art interessant und vor allem - und das ist die Hauptsache: Sie sind gut geschrieben, wirken mitnichten "hingerotzt", sondern mit vielen kleinen Details liebevoll ausgearbeitet.
Ganz toll finde ich, wie vernünftig die Charaktere hier herüberkommen und wie wenig Bibi und Tina heroisiert werden. Bei Dittrich wäre der Affe hundertprozentig mit zum Martinshof gekommen und hätte den Rest der Spielzeit Chaos gestiftet - Story Ende. Hier geht es gar nicht erst damit los, es wird sogar Bezug auf die alte Hanna genommen (Genau so geht Fanservice!) und dann ist auch schon der Lebenshof Thema. Ich kenne so was ja eher unter der Bezeichnung Gnadenhof, bin da aber vermutlich nicht mehr up to date. Ist wohl zu negativ, das Wort. Anders als beim Kanuausflug werden hier nicht noch zigtausend Haken geschlagen, bis wir das Hauptthema erreicht haben. Es geht weder zu schnell noch zu langsam.
Die Charakterzeichnungen sind einmal mehr sehr schön dreidimensional geraten, gerade die Fürstin ist mal so, mal so, sie hat ihre Macken, ist aber im Großen und Ganzen angenehm. Autoren, die solche Figuren erschaffen, die den Hörer auch 20 Minuten nach ihrer Einführung noch glaubhaft überraschen können, sind ja leider rar geworden bei Kiddinx, meistens wird stumpf in "Gut" und "Böse" eingeteilt, umso mehr freue ich mich hier. Im Worldbuilding ist Haslehner echt stark, auch hier hab ich das Gefühl, man könnte dem Lebenshof ne eigene Subserie geben (so mit „Kinder vom Süderhof“-Feeling
). Anders als beim Kanuausflug fliegen Bibi und Tina hier jedoch nicht aus ihrer eigenen Serie förmlich raus. Ein weiterer Pluspunkt und eine klare Verbesserung, ohne dass es auf Kosten der Charakterstärke von Nebenfiguren geht.
Die Handlung selbst ist natürlich nicht undurchschaubar. Man ahnt Teile der Geschichte voraus und es kommt jetzt nicht zum Mega-Plottwist - aber wo Haslehner kann, baut sie kleine "Oh"-Momente ein, so zB das Entschlüsseln von Rockys Sätzen (ich hab das mit der wahren Coco-Bedeutung tatsächlich nicht kommen sehen, obwohl es nahelag, das war richtig gut!) oder Tinas mutiger Alleingang und Bibis Hexblockade, das ist alles echt gut gemacht, wirkt angenehm reif und trotzdem nicht zu komplex oder zu dramatisch für die Zielgruppe.
Die Handlungsfäden Lebenshof und Tierschmuggel werden stabil aufeinander zu geführt, wobei es dann bei letzterem Thema leider ein bisschen oberflächlich bleibt und man nicht so wirklich darauf eingeht, was hinter so einem Netzwerk steckt. Das wäre für mich noch das Sahnehäubchen gewesen. Erstmals wird das LGBT-Thema bei Bibi & Tina eingebracht - aber völlig natürlich und ganz selbstverständlich, so finde ich das große Klasse.
Natürlich kommt Haslehner auch in dieser Folge nicht gänzlich vom Thema Nachhaltigkeit weg, aber im Vergleich zu ihrem Vorgängerwerk ist sie hier nicht halb so plakativ unterwegs. Man fängt nicht an, das Thema breitzutreten und überzubetonen, sondern sinnvoll und dezent einzubinden, es passt halt einfach zum Lebenshof - wenn's auf dem Level bleibt, hab ich kein Problem damit. Nervig wird's nur, wenn (Stamm-)Charaktere ständig betonen müssen, wie umweltbewusst und natürlich vegan sie doch leben und das ist hier nicht der Fall.
Niemand ist zu überzeichnet, was vielleicht auch mit an der unerwartet starken Regieleistung liegt, die viele Dialoge sehr natürlich wirken lässt - das hatten wir zuletzt ganz anders! Der Handlungsverlauf ist flüssig, die Atmosphäre sehr lebhaft (bei Haslehners Skripten wird erstaunlicherweise nicht mit Sprechern gegeizt, I like!) und es gibt keine Momente, bei denen man über die Charaktere nur den Kopf schütteln kann. Einzig dieses "Am selben Tisch leise über andere, die auch am Tisch sitzen, ablästern" wirkt soundtechnisch eher... na ja, recht unrealistisch. Aber wenigstens traut man sich überhaupt mal wieder, zwei Dialoge übereinander zu legen.
Die Folge macht einfach Spaß, das Skript ist gut, trotz der Länge auch überhaupt nicht langatmig, Regie, Sprecher und Atmo stimmen, die Charakterzeichnungen wissen zu gefallen, zwischenzeitlich wird es sogar spannend und das Wissen ist sehr natürlich eingebettet worden. Ja, das mit den Kunststücken bei den Tieren ist vielleicht ein bisschen drüber, wird aber nicht groß ausgewalzt.
Ne echt runde Sache und tatsächlich geht die 8 hier mehr Richtung 9 als Richtung 7. Da sieht man mal, dass man selbst so unspektakuläre Plots auch als Folge 120 noch so erzählen kann, dass auch ein Nicht-Zielgruppen-Hörer Freude damit hat. Auf diesem Niveau gerne weiterschreiben, die beste Folge seit der 101!
8,5/10
Wow! Was für ein mega Beitrag! Ich wollte hier eigentlich ganz woanders antworten, aber hey! bist du etwa ein zweiter Springer? nein, mega cool. Das macht echt Lust, die Folge zu hören!!!
__________________ Kassette bitte einmal umdrehen...
Toller Aufbau, tolle Story, tolle Charaktere. Man lernt etwas, ohne dass es diesen furchtbaren Vortrags-Stil hat. Und süße Pointen, zum Beispiel Bibis Schlusswort!
Stellenweise erinnert es mich an die Wendy-Folge, in der ein Papagei einen Kunstraub verhindert (Kanal-Otto!) - leider weiß ich grade nicht mehr, welche Folge das genau ist. Hier ist das ganze ähnlich süß umgesetzt.
Lustig fand ich, dass Bibi schon so wenig hext, dass ihr selbst keine Sprüche mehr einfallen. Mehr üben, Bibi! 😂
Mein kleines Highlight ist das "Friede-Freude-Butterkuchen"-Ende. Viel zu viele Folgen verpassen es, das einzubauen, und jedes Mal muss ich mich aufregen. 😂
Wirklich eine Top-Folge. Bin richtig froh, dass die Autorin angefangen hat und hoffe, sie schreibt fleißig weiter. Freu mich schon auf ihr nächstes Werk. ☺️
Dass Hannah nochmal erwähnt und nicht einfach übergangen wird, dass es sie gibt, ist schon mal ein guter Pluspunkt direkt zu Anfang - eigentlich traurig, aber wahr. Und so lernen wir hier zwei neue Figuren können, die mir beide sehr sympathisch waren. Wobei sie meiner Meinung nach jeweils ein wenig mehr eigenen Charakter hätten haben können. Sie wirkten etwas austauschbar und hätten im Grunde auch eine Figur sein können. Mit wie viel Liebe sie aber den Hof führen und ihre Tiere behandeln, fand ich total schön zu hören. Außerdem finde ich es super, wie durch die beiden hier bei Bibi und Tina erstmals ganz natürlich queere Charaktere eingebunden werden. Ohne dass es überhaupt kommentiert wird. Besser geht es eigentlich nicht. @Mangobanane Die Bezeichnung Lebenshof habe ich tatsächlich in den letzten Jahren vermehrt gehört. Ich glaube, dass Gnadenhof einfach zum einen nicht so schön klingt und zum anderen auch nicht (mehr) genau genug beschreibt, worum es geht. Das Gnadenbrot bezieht sich ja vor allem auf alte Tiere. Aber auf Lebenshöfen sind oft auch Tiere untergebracht, die aus schlechter Haltung gerettet wurden (zb Schweine aus Massentierhaltung, Hühner aus Legebatterien usw.) oder von Hand aufgezogen wurden und die haben ja noch viele schöne Jahre vor sich und daher passt das mit dem Gnadenbrot nicht so.
Trotz Affe und Papagei finde ich die Story nicht kindisch oder lächerlich, wie ich zunächst befürchtet hatte als sie ins Spiel kamen. Im Gegenteil: So wie das Thema hier umgesetzt ist, gab es das bei Bibi und Tina noch nicht wirklich. Das fand ich echt cool.
Insgesamt eine gute Geschichte mit gut passenden neuen Charakteren und einem Spannungsbogen, der die Folge hörenswert macht. Ich mag die Sachen der Autorin - gerne mehr! Von mir gibt es 8 Punkte.
Also, ich habe mir die Folge gestern angehört und ich finde sie nicht schlecht. Dass zum ersten Mal in einem KIDDINX-Hörspiel ein lesbisches Paar vorkommt, fand ich auch ganz interessant.
Wobei sie meiner Meinung nach jeweils ein wenig mehr eigenen Charakter hätten haben können. Sie wirkten etwas austauschbar und hätten im Grunde auch eine Figur sein können.
Das ist richtig, wirklich individuell waren sie nicht, womit man der Autorin natürlich vorwerfen könnte, dass das nur so gemacht wurde, um ein lesbisches Paar einbringen zu können. Fand es aber ganz gut, dass man ein bisschen von diesem „eine Person muss alles alleine schmeißen“ wegkam. Die Fürstin und Cornelius sind allerdings dann doch die deutlich stärker gezeichneten Charaktere hier.
Danke für die Erläuterung bzgl. Lebenshof, so was hab ich auch schon mal gehört, aber in dem Moment nicht mehr dran gedacht.
Meine Erwartungen an diese Folge waren mal wieder gering. Nach dem klassischen Beginn mit Wettreiten tauchen dann direkt ein plappernder Vogel und ein Äffchen auf – an dem Punkt hab ich das Allerschlimmste befürchtet. Denn auch wenn Bibi („ich weiß fast gar nichts über Affen“) es verdrängt hat, bei mir ist Chitta aus dem BB-Universum leider noch sehr präsent. Dann passiert etwas Überraschendes: Die Viecher werden weder angefasst noch kleingehext, sondern ein fachkundiger Erwachsener hinzugezogen! Inzwischen taucht ein „Der Verehrer“-ähnlicher Lackaffe auf, der die angekündigte Besuchsfürstin zum Schloss kutschiert. Dass er in dieser Folge der Böse sein wird, ist aus Erwachsenen-Sicht recht vorhersehbar, aber wird einem längst nicht so offensichtlich aufs Brot geschmiert, wie wir das bei anderen Gelegenheiten schon erlebt haben. Die Figur hat mir Spaß gemacht, ein bisschen schrill und überzeichnet, aber nicht zu nervig. Auch die Fürstin war gut, sie fällt zwar auf den Blender rein, aber wir stellen im Laufe der Geschichte fest, dass sie kein reines Klischee einer dummen reichen Dame ist, sondern auch ziemlich sympathische Züge hat.
Meanwhile bei Doktor Eichhorn: Alex ist sehr stolz auf den Namen, den er sich für den Vogel ausgedacht hat. Ich bin vor allem dankbar, dass er sich gegenüber Bibi durchgesetzt hat, die hätte ihn wahrscheinlich Graui genannt. Dankenswerterweise werden die Tiere nicht auf dem Martinshof untergebracht, stattdessen schlägt der Tierarzt das Gut Herzensglück bei Rotenbrunn vor. „Warum haben die Kinder noch nie davon gehört?“ Eine berechtigte Frage des Erzählers, die unbeantwortet bleibt. Dafür kommt jetzt die wahrscheinlich akkurateste LGBTQ+-Repräsentation des Kiddinx-Universums: zwei vegane Lesben mit Lebenshof. Dass Kiddinx sich das „traut“, hat mich unerwartet getroffen und unwahrscheinlich glücklich gemacht. Bibi und Tina bekommen eine Hofführung und wir erfahren, dass man ein Minischwein nicht in der Wohnung halten sollte. Das Thema Tierindustrie ist allgegenwärtig, ohne dass Achtjährige durch explizite Infos über Tierausbeutung verstört werden. Schon wieder eine Überraschung: Die Autorin ist auf der Höhe der Wissenschaft und weiß nicht nur, dass nicht jedes Tier gestreichelt werden will, sondern auch, dass das so verbreitete Halsklopfen bei vielen Pferden gar nicht auf besonders viel Begeisterung stößt (aber Bibi, Tina und Alex merken natürlich SOFORT, wenn ihre Pferde nervös sind… dazu sage ich mal nichts). Dafür steht der arme Primus alleine, weil seine Artgenossen gerade auf der Weide sind (warum ist er nicht auch da?). Es wird noch erklärt, was ein Lebenshof ist, und die Geschichte von ungefähr jedem Tier angeschnitten. Nett, aber bisher haben wir viel Erklärung und wenig Handlung.
Besser wird es dann auf dem Schloss. Die Szene am Abendbrottisch hat mich echt zum Schmunzeln gebracht, ich habe lebhaft vor mir gesehen, wie Cornelius sich das Hemd vom Leib reißt. Außerdem verwendet er das Wort Mumpitz, denn im BuT-Universum reden wir so! Die Idee, die Besucher*innen der Messe zum Lebenshof zu lotsen, ist erstaunlich gut. Als das Wort „Pressefoto“ gefallen ist, habe ich auf Karla Kolumna gehofft, aber die kommt leider nicht vor – hätte die Folge vielleicht auch überfrachtet, aber Karla und Cornelius zusammen hätten Potenzial gehabt. Na ja, jedenfalls wird jetzt mit dem Vogel ein Sketch eingeübt und das Schwein springt durch einen „brennenden“ Reifen, das ist alles sehr süß. Und dann der Höhepunkt der Folge: VEGANER BUTTERKUCHEN von Frau Martin! Ist mir egal, ob die Handlung bis zum Ende so unspektakulär bleibt: Diese Folge ist absolut wholesome.
Das Fest geht los, der Graf fremdelt mit Borstel und darf endlich mal wieder ein bisschen vornehm und gestelzt sein. Unrealistisch: Niemand beschwert sich, dass es am Buffet kein Fleisch gibt. Pute Ute wird vorgestellt und ich würde ja sagen, dass das ein bescheuerter Name ist, aber ich würde meine Pute absolut auch Ute nennen. Inzwischen wachsen die Zweifel: IRGENDWAS ist seltsam an Kohlberg, aber was bloß?? Alex hat einen von mehreren guten Momenten, als er die Beschwerde seines angesabberten Vaters („Von wegen, Schweine sind reinliche Tiere!“) kontert mit: „Borstels Rüssel ist jetzt jedenfalls sauber.“ Dann kommt Bewegung in die Sache: Der Graf stolpert direkt in die Machenschaften von Kohlberg und dessen Komplizen und wird überwältigt. Borstel to the rescue und dann springt einmal der Erzähler zusammenfassend ein, weil ihm wie mir das Tempo zu gering ist. Das ändert sich ab jetzt. Es werden ein paar wirklich schlaue Schlüsse gezogen (das mit dem Namen Coco hab ich null kommen sehen), die Verbrecher werden aufgespürt, Tina fast geschnappt, Bibi hat zum ersten Mal in dieser Folge die Gelegenheit zu hexen und verpasst sie – und als sie sich dann doch noch besinnt, passiert es außerhalb unserer Hörweite. An der Stelle lagen meine Nerven ähnlich blank wie die von Luis, aber Bibi ist zum Glück noch nicht fertig mit Hexen. Und dann nimmt alles ein glückliches Ende und der Graf wird Borstels Pate – ja, ich muss zugeben, das ist niedlich.
Fazit: Die Handlung hat mich nicht komplett vom Hocker gehauen und braucht lange, um in Gang zu kommen, ist aber insgesamt gut umgesetzt und am Ende kommt auch noch echt Spannung auf. Das Ganze gespickt mit immer wieder süßen und witzigen Dialogen, die Hauptcharaktere performen gut und die Nebenrollen sind auch stark, vor allem Kohlberg (auch wenn ich enttäuscht war, dass wir nicht erfahren, was damals zwischen ihm und dem Grafen war). Nachdem ich Bibi und Tina schon totgesagt hatte, hat mir diese Folge wieder Hoffnung in die Reihe gegeben. Die ganzen Viecher haben erstaunlich wenig rumgenervt und das lesbische Couple gibt einen fetten Bonus, deshalb konnte ich nicht anders, als 9/10 zu geben.
An dieser Stelle noch ein paar persönliche Worte zum Thema Repräsentation:
Dass Kinder mit dieser Folge aufwachsen können, macht mich wirklich glücklich, die hätte ich früher auch gerne gehabt. Rike und Marleen wären absolute Rolemodels für mich gewesen und ich hoffe, dass sie auch in zukünftigen Folgen nochmal auftauchen. Von mir aus hätte man das Thema gleichgeschlechtliche Beziehung ruhig noch expliziter ansprechen können – kein Drama draus machen à la „wieee, zwei Frauen können ein Paar sein?“, aber man hätte meines Erachtens ruhig das Wort lesbisch erwähnen können. Und auch wenn ich es einen sehr guten Ansatz finde, gleichgeschlechtliche Beziehungen als etwas ganz Normales zu vermitteln, dürfte es für viele Kinder trotzdem etwas sein, was sie aus ihrem Umfeld nicht kennen und vielleicht erstmal nicht einordnen können. Wie dem auch sei, diese Folge hat ein kleines bisschen was in mir geheilt und das war schön 😊
An dieser Stelle noch ein paar persönliche Worte zum Thema Repräsentation:
Von mir aus hätte man das Thema gleichgeschlechtliche Beziehung ruhig noch expliziter ansprechen können – kein Drama draus machen à la „wieee, zwei Frauen können ein Paar sein?“, aber man hätte meines Erachtens ruhig das Wort lesbisch erwähnen können.
Antwort
Aber genau das wurde doch gemacht: Kein Drama! Warum denn dann noch extra betonen und extra hervorheben, wenn es doch eben eigentlich gar nicht erwähenswert und normal ist?
Was für eine schöne Folge! Borstel ist ein fantastischer Name hihi, der Graf & ein Schwein, wirklich herzig. In meiner Skepsis dachte ich erst "hm, Tierpension 2.0? Papageien und Affen, ernsthaft?" - Aber ich bin ganz begeistert und hab (außer als Bibi kein Hexspruch einfiel) keinen Moment lang gehadert mit dem Verhalten der Charaktere oder dem Drumherum. Daumen hoch!
Der Titel erinnert mich immer noch an eine „Die drei Ausrufezeichen“-Folge, aber die Idee, einen Lebenshof einzubringen, finde ich sehr schön. Das hatten wir bei Bibi & Tina noch nicht und da kann man auch wirklich was draus machen. Das mit den Tierschmugglern ist dann aber wieder etwas zu viel des Guten. Das Cover finde ich eigentlich sehr schön, weil es viele Details gibt und die Farben gut harmonieren. Nur dass die eine Person den Tisch deckt, obwohl noch keine Husse drauf ist, ist ein ziemlicher Fail.
Das Wettreiten am Anfang ist ganz schön, aber das mit den „Schnecken“ hat mich ein bisschen irritiert. Weil klar ist, dass das nicht Alex‘ Stimme ist, man es aber trotzdem nicht zuordnen kann. Dass die drei einen Papagei und einen Affen entdecken, ist nicht gerade ein guter Start in die Folge - da werden Erinnerungen an einige schreckliche Tierchenfolgen wach. Der Empfang auf dem Schloss ist ein bisschen sehr unnatürlich und dieser Cornelius erinnert mich an Werner Weber.
Dass der Graf sich so sehr über die alten Streiche von Cornelius echauffiert, heißt hoffentlich, dass die wirklich daneben waren, immerhin hat er im Internat selbst gern Streiche gespielt oder sich zumindest über die Streiche von Voss amüsiert. Alex kommt dann beim Tierarzt tatsächlich mal auf einen halbwegs kreativen Namen für den Papagei, da können Bibi und Tina aka Die-Blessi-Spezialistinnen sich ne Scheibe anschneiden.
Und danach gibt es eine riesige und richtig tolle Überraschung, denn der Lebenshof wird von einem queeren Paar gespielt. Ich finde es super, dass Bibi, Tina, Alex und Robert das nicht groß kommentieren, es also als ganz normal angesehen wird. Dass nach dem Kennenlernen von Primus kurz auf Snoopy verwiesen wird, ist schön. Dass Rike und Marleen sehr zu kämpfen haben und sich neue Tiere gar nicht mehr leisten können, ist sehr realistisch eingefangen.
Beim Abendessen im Schloss werden die beiden Handlungsstränge dann gekonnt zusammengeführt. Dass der Graf beleidigt ist, weil die Kinder ihn für die Patenschaft eines Schweins vorschlagen, ist ganz witzig. Auch der Übergang zur Spendengala ist gelungen, auch wenn ich statt dem Kontakt beim Rotenbrunner Boten lieber Karla gehabt hätte. Natürlich juckt Bibis Nase wegen Cornelius, irgendwas ist also wirklich komisch an ihm. Aber bisher ist nicht allzu offensichtlich, was.
Dass Alex Borstel durch einen Reifen springen lassen will, finde ich nach der traurigen Geschichte von Primus allerdings total daneben. Schön ist dagegen wieder, dass nochmal ganz beiläufig erwähnt wird, dass Rike und Marleen zusammengezogen sind und den gleichen Traum hatten. Dass Falko Borstel unter dem Tisch versteckt und die anderen dann denken, dass er so laut schmatzt, ist auch wieder ganz amüsant. Dass der Graf übertölpelt wird, ist aber ein bisschen zu vorhersehbar.
Dass Borstel den Grafen rettet, ist dafür ganz süß. Das mit dem Spitznamen, der eigentlich nicht der Name des Papageis ist, ist zwar keine große Überraschung, aber ganz cool. Das mit den Blumenstraßen ist auch ganz interessant, vor allem, weil man das nicht wissen kann. Es bleibt aber etwas unglaubwürdig, dass ein Adeliger sowas abzieht. Wo ist das Motiv? Und dass Bibi im entscheidenden Moment kein Hexspruch einfällt, ist echt ein Armutszeugnis für die Serie.
Den Hexspruch, den sie dann wirklich zur Rettung von Tina spricht, erleben wir nicht mal mit. Schade. Da kann auch der dritte Hexspruch, den man dann hört, nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass man einfach nicht mehr will, dass Bibi eine Hexe ist. Dass die Spendengala trotzdem so erfolgreich war, ist zwar schön, aber dass wirklich JEDES Tier eine Patenschaft schließen konnte, finde ich zu viel des Guten. Toll ist aber, dass Rike und Marleen nochmal eindeutig als Paar gezeichnet werden.
Insgesamt finde ich die Folge wirklich gelungen. Die Geschichte ist von Anfang bis Ende unterhaltsam, bis zu einem gewissen Graf sogar spannend. Das Konzept vom Lebenshof wird schön kindgerecht verpackt, das mit der Spendengala ist dann nach hinten raus etwas zu utopisch dargestellt. Das mit den Tierschmugglern ist okay, aber die Frage nach dem Motiv wird auch am Ende nicht beantwortet. Dass wir hier ein queeres Paar ganz natürlich dargestellt bekommen, ist definitiv ein Pluspunkt.
Fazit: 8 von 10 Punkten
@all: Ich finde es erschreckend, wie selbstverständlich hier von einem „lesbischen“ Paar gesprochen wird, obwohl die Sexualität von Rike und Marleen mit keinem Wort erwähnt wird. Die beiden könnten genauso gut bi- oder pansexuell sein. Nennt mich kleinlich, aber das ist Bi-Löschung at its finest. Und nein, lesbisch ist kein Synonym für gleichgeschlechtlich. Denn das Eine ist eine festgelegte Sexualität, das andere eine inklusive Bezeichnung, die alle Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen einbezieht.
__________________ Ich möchte bitte in Zukunft mit den Pronomen dey/denen angesprochen werden:
Beispielsätze:
Dey hat das Telefon abgehoben.
Ist das deren Hund?
Ich bin denen erst kürzlich begegnet.
Ich verstehe dey so gut.
Word! Sie könnten natürlich auch einer anderen sexuellen Orientierung zugehören. Nur, weil eine weiblich gelesene Person mit einer weiblich gelesenen Person zusammen ist, heißt das ja nicht, dass sie automatisch lesbisch ist.
Da hast du recht. Wir können nicht wissen, dass es nicht auch queere Charaktere in straight-presenting Beziehungen gegeben hat. Wir können nur sagen, dass es das erste EXPLIZIT QUEERE Paar bei Bibi & Tina bzw. Kira Kolumna gegeben hat.
__________________ Ich möchte bitte in Zukunft mit den Pronomen dey/denen angesprochen werden:
Beispielsätze:
Dey hat das Telefon abgehoben.
Ist das deren Hund?
Ich bin denen erst kürzlich begegnet.
Ich verstehe dey so gut.