Rezension zur Hörspielfolge 118
„auf der Baustelle“
(Enthält Spoiler und unerhörten Sarkasmus!)
„Ich glaube, Sie haben einen Dachschaden.“
Oder: Holt Tine Wittler, hier muss dringend was renoviert werden!
Das Cover:
Baustellenmäßig gelungen. Vielleicht noch etwas renovierungsbedürftig, aber okay. Immerhin tragen sie alle gelbe Helme. Und Otto und Stella eine Sicherheitsweste. Benjamin hilft tüchtig mit, während er und seine Freunde lächelnd arbeiten.
Das Bild fängt die Gesamtsituation gut ein. Man weiß gleich auf dem dritten Blick, worum es denn geht, auch, wenn man den Inhalt noch nicht kennt. Benjamin + gelbe Helme + Otto schwingt den Spaten + Stella Erdbeereis mit pinker Baustellenhose + Eistüte an Hauswand = ah, ich hab‘s! Da wird die Gelateria Stellini renoviert, alles klar.
Zur Geschichte + Meine Meinung:
Wenn man tagaus tagein einen Elefanten in seinen Eisladen lässt, sollte man sich nicht wundern, dass das Gebäude des eisigen Genusses dann auch irgendwann ein bisschen einknickt. Benjamin benimmt sich vielleicht nicht wie ein Elefant im Porzellanladen, aber möglicherweise ist sein übermäßiges Elefantengewicht dann doch ein bisschen mit daran schuldig, dass die Eisdiele unserer Lieblingseistüte ein bisschen zu Bruch geht. Nicht? Okay, das war gemein, zugegeben...
Fangen wir also mit Stella an. Denn wenn eine Geschichte mit ihr beginnt, kann es ja nur großartig werden (Und der Sarkasmus platscht auf den Boden und formt sich zu einem fiesen Grinsegesicht).
Weil ihr Papili in Italien gerade seine alljährliche Stellafreie-Zeit genießt, arbeitet Stella so lange als Kellnerin in der hauseigenen Eisdiele. (Wer vor Kinderarbeit zurückschreckt und dies für ganz und gar unmöglich hält, darf die Folge an dieser Stelle gleich ausstellen. Denn es geht munter so weiter. Kinderarbeit am laufenden Band.)
Benjamin wünscht sich einen Spezialbecher in Elefantengröße. Hihi. Das ist bestimmt so groß, dass Stella darin verschwinden kann, oder? Und dann wandert sie, ungesehen, zwischen Benjamins Beißerchen und…
Während Stella also im Laden herumwirbelt und so tut, als wäre sie schon ganz groß und mega verantwortungsbewusst, bricht ein Sommergewitter los. Als Karla und der Bürgermeister mit Anhang (Pichler) sich zu Benjamin und Otto setzen, finden die alle das Eisessen ganz plauschig, bis plötzlich was passiert. Was ganz und gar unglaubliches. Nein nein, Stella verschluckt sich nicht an einer Eiswaffel und sie hat sich auch nicht ausversehen auf Benjamins Stuhl gesetzt und er sich auf sie drauf, nein… Ich meine leider was anderes. Und zwar tropft es von der Decke. Mitten in das Essen unserer Eiskunstesser hinein. Tropf tropf. Igitt. Alle sind natürlich furchtbar entsetzt. Frau Stellini tanzt fassungslos umher und stellt schließlich noch fassungsloser fest, dass das Wohnzimmer oben über der Eisdiele schon voller Wasser ist und durch ein Loch tropft das Wasser jetzt in die Eisdiele…? Hä? Also, nochmal zum Mitschreiben, für alle, die das genauso seltsam finden wie ich: Die Wohnung der Stellinis befindet sich über der Eisdiele. Es regnet. Und der Regen fällt durch ein Loch in das Wohnzimmer und durch ein zweites Loch wieder in die Eisdiele. Oder so. Nehmen wir jetzt einfach mal hin, diese Benjamin-Logik, oder?
Karla findet das alles ganz „Sensationell!“ und tippt schon in ihrem Inneren einen Artikel nach dem anderen („Wird aus der Gelateria Stellini nun Schwimmbaderia Stellini?“). Aber Mama Stella ist furchtbar am Boden zerstört. Kein Problem für Benjamin. Er hat schon längst eine Idee, wie die Kinder wieder an die Arbeit kommen, ganz klar: sie renovieren die eisige Bruchbude und machen einen super regenfesten Schuppen draus! Boah. „Einsatz in vier Wänden Spezial“ mit Sprechelefanten-Effekt sozusagen.
Son Pech. Leider haben die Gelbhelm-Handwerker nur 3 Tage Zeit. Zum einen, wären mehr als drei Tage ungünstig für die Hörspielfolge, weil ich Stella niemals länger als 8 oder 9 CD-Trackpunkte lang ertragen könnte, zum anderen will ein gewisser Paul Protz die coole baufällige Hütte haben, um dort sein Special-Ice anzubieten. So ein kluger Kerl. Da würde wohl jeder sofort zuschlagen. So kann er bald in seine Speiseeiskarte schreiben: „Inklusive Wasser, das beim Essen von oben in ihr Eis perlt! Erfrischend und einzigartig“. Gewieft!
Natürlich ist Protz der Bösewicht in der Geschichte. Weiß man als Hörer auch sofort, als Otto sagt, dass er von dem protzischen Eis schon mal Bauchschmerzen hatte. (Hallo? Warum nicht Stella?)
Der Bürgermeister entpuppt sich dann auch noch als bester Kumpel von Protz, was ich irgendwie witzig fand. Ich mein… sonst ist immer Bruno Bürgermeister der Böse und jetzt hat er gleich einen Kumpel dabei- super!
Der protzige Paul schleicht sich schließlich immer wieder
zur Geisterstunde zur Eisessstunde um die Baustelle herum, die Benjamin und seine Mörtel-Monster um die Eisdiele herum errichten, und verkauft sein pinkes Blubbereis für einen Spottpreis. Dass Sister-Eisbude das doof findet, ist ja klar. Der Kerl will in das Geschäft ihrer Eltern einsteigen und sie womöglich noch mit einer brennenden Eistüte aus der Stadt jagen. So geht das natürlich nicht!
Achtung, nun geht’s ans
Eisgemachte Eingemachte! Weil die drei Helmis vom Dienst noch zwei Extrahände brauchen, rufen sie den Karl ihres Vertrauens herbei. Der hat natürlich nichts Besseres zutun als sofort rüberzukommen und drei Tage die Tiere im Zoo zu vernachlässigen, während er sich auf der Baustelle verausgabt. Vielleicht denkt Karl aber auch, dass es ja passieren könnte, dass Stella unter Mörtel begraben wird und will das Liveerlebnis keineswegs versäumen. In dem Fall wird Herr Tierlieb sich ja mal drei Tage allein um die Giraffen und so kümmern können.
Die Baustelle zu errichten, geht natürlich super fix. Benjamin hat dafür extra seinen Schnellbaukasten dabei und Otto blättert heimlich in „Baustelle in 5 Minuten für Dummies“ herum und schon kann es losgehen. Sie renovieren also das Tropfparadies der Stellinis, Otto rennt herum, ist wieder furchtbar klugscheißerisch, Stella steht ihm in nichts nach, Benjamin ist schwer von Begriff und Karl ist… Karl.
Während ich mir nun anhöre, wie die vier Baugerüstler Stunde um Stunde an der Eisdiele werkeln, während Mama Stellini übrigens zu einem Urlaub verdammt wurde („Bine schon weg! 3 Tage ohne Stella- eine Traume wird wahre!“) warte ich gespannt, ob denn auch mal was passiert. Und yes- da taucht Löwenzahn-Nachbarstimme-Protz schon wieder auf und schleicht sich heimlich auf der Baustelle herum, macht Fotos und Notizen über Kinderarbeit… nein, eigentlich macht er nur aus dem Mörtel ein super pinkes Blubbergemisch, worüber sich alle schrecklich beschweren. Denn der Bösewicht mit dem Namen, der an einen gewissen zahnlückenhaften Gewinner aus einer gewissen Talentshow erinnert, will die Bauarbeiten selbstverständlich sabotieren. Dies macht er so geschickt, dass meine flache Hand meine Stirn malträtiert. Verrät der Gute sich doch tatsächlich durch sein eigenes individuelles Super-Eis-Gemisch und verliert auch noch was auf der Baustelle und… Ach, reden wir da besser gar nicht von.
Ich dachte schon, schlimmer kann es nicht kommen, als Spezialeis und ihre Freunde auch noch anfangen zu singen. (Nuaaaaaeeeeiiiinnn!) Wenn das schon sein muss, warum dann nicht ein selbst ausgedachtes Lied, sondern so ein Kinderklassiker, der noch nicht mal gut ist? Und dann auch noch texttechnisch verhunzen? Ich mein…
„Wer will fleißige Handwerker sehen, der muss uns Kinder, Zoowärter und Elefanten sehen…
tauchet ein, tauchet ein,
der Maler streicht die Wände fein.“
Und das wird dann nicht einmal gesungen, nein, vergesst es. Das Lied wird andauernd! gesungen und um etliche Berufe erweitert („ wer will… Reporter, Eis-Protzen, Sekretäre, böse Rezensentinnen, Kinderarbeiter, Eis-am-Stiel-Erfinder sehen…?“). Ist schon nicht schön.
Na gut, na gut, ich gebe es ja zu. So schlecht ist die Folge gar nicht. Ich finde nur, ganz persönlich gesprochen, das Thema an sich ziemlich unspannend, weshalb mich die Gesamtstory dann doch recht positiv überraschen konnte. Hier wurde sich wenigstens um Inhalt bemüht. Nicht, wie bei anderen neuere Benjamin-Folgen. Ansätze zu einer guten Folge sind durchaus vorhanden. Die Baustelle bleibt auch immer im Fokus, dominiert aber nicht die ganze Geschichte über. Das ist gut, echt.
Mal abgesehen davon, dass alles mal total unrealistisch ist (ja ja, ich weiß… „Hallo? Du hörst eine Folge mit einem sprechenden Elefanten, du Nuss“), von wegen die vier schaffen es mal eben in drei Tagen alles zu renovieren und so (wo ist eigentlich Tine Wittler, wenn man sie braucht? Sie hätte das doch ganz wunderbar mit ihrer kugelrunden Ausstrahlung wie von Zauberhand in einer einzigen Werbepause geschafft), ist die Folge in Ordnung.
Highlights:
- Der erste Witz schon am Anfang:
Frau Stellini: „Gibt es Probleme?“
Bürgermeister: „Allerdings, ich glaube, Sie haben einen Dachschaden!“
Frau Stellini: „Erlauben Sie mal!“
- Der Erzähler schnarcht und schläft ein und einmal trinkt er laut schlürfend Kaffee
- Stella kommt morgens auf die Baustelle und begrüßt alle.
Erzähler: „Hey, wer macht denn da so einen Lärm?“ (Stella. Selbst beim Freundlichsein nervt sie, richtig?)
- Benjamin macht einen Zaun zu. Dabei sagt er: „Das quietscht aber hübsch.“ (Benjamin kann einfach alles schön finden.)
-
Benjamin: „Hören Sie mal, Sie Klotz-“
Paul P.: „Protz!“
-
Erzähler: „Das ist ja wirklich ein ungehobelter Protz, äh, Klotz!“
-
Stella: „Können wir das schaffen?“
Otto: „Ja, wir schaffen das!“ (FAIL! Das heißt: „YO, wir schaffen das!“ Wohl noch nie „Bob der Baumeister“ geguckt, was?)
-
Stella: „Habt ihr kein Schild aufgestellt? Betreten der Baustelle verboten?“ (Nein, haben sie nicht. Nur ein Schild mit der Aufschrift: „Betreten für sprechende Eistüten verboten.“)
- Benjamin will zu Karl aufs Gerüst:
Karl: „Aber ob dieses Gerüst für dicke Elefanten gemacht ist?“
Benjamin: „Kein Problem… ich bin ja nicht dick.“
- Karl über Paul Protz:
Karl: „Na, den knöpfe ich mir vor.“
Benjamin: „Oh ja, da knöpfe ich mit.“
- Paul Protz bietet dem Bürgermeister ein Eis an.
Paul P.: „Bekommt Ihr Sekretär im Wagen auch eins?“
Bürgermeister: „Nein nein, der kleckert bloß alles voll.“
- Benjamin trompetet den Putz trocken
- Der Bürgermeister hat von Paul Protz' Eis Bauchweh bekommen.
Paul P.: „Unmöglich! Ich nehme doch nur beste künstliche Zutaten für den Superblubber!“
Stella: „Künstliche Zutaten? Also in unserem Eis sind nur natürliche Zutaten drin.“ (Alte Angeberin.)
- Als Mama Stellini dann am Ende das Ergebnis sieht, rastet sie total aus. Und Benjamin sagt dann ganz trocken: „Ich glaube deine Mama freut sich.“ (Das hört sich wirklich witzig an.)
Klugscheißerchen-Ottos beste Sprüche:
1.
„Die Stangen und Bretter da sind sicher ein Baugerüst.“
2. (Es geht darum, das Loch im Dach zu schließen)
„Dafür brauchen wir Ziegel!“
3. (Benjamin will wissen, wie sie an das Dach kommen)
„Dafür haben wir doch das Baugerüst.“
4. (Es geht darum, dass sie schon um 7 Uhr auf der Baustelle stehen)
„Tja, da geht es eben los auf einer Baustelle.“
5.
„Das lese ich mal vor…“ (Warum zum Geier sagt er das, wenn er es ohnehin gleich darauf tut?)
Die Figuren:
Benjamin: Trompetet zu oft, bringt aber ein paar witzige Momente. Teilweise aber etwas zu „schwer von Begriff“.
Otto: Nerviger denn je.
Stella: Fühlt sich zu oft furchtbar wichtig, ist aber gerade noch so zu ertragen.
Karl: Hat ein paar sehr sympathische Auftritte.
Karla Kolumna: Sorgt gewohnt für gute Laune.
Bürgermeister: Hätte ruhig noch öfter vorkommen können, hat sich aber gut mit Paul Protz ergänzt.
Pichler: Wie immer die gute Seele an der Seite vom Bürgermeister. Leider mit nur sehr wenig Text.
Paul Protz: Gelungener Bösewicht mit Charakter.
Frau Stellini: Die wenigen Auftritte, die sie hat, meistert sie mit Bravour.
Fazit:
Eine Folge, die man durchaus hören kann. Mit wenigen großen Momenten zwar, aber einem guten Charakter-Mix sowie eine nicht zu langweilige Story, ergo im Großen und Ganzen in Ordnung.
Bewertung
3 von 5 Punkten.